„Modern Girls“ in schicken Uniformen – Selbstbewusste junge Frauen erobern neue Arbeitsfelder

Alisa Freedman, Laura Miller, Christine R. Yano (Hg.) (2013). Modern Girls on the Go. Gender, Mobility, and Labor in Japan. Stanford, Kalifornien: Stanford University Press; broschiert, 280 Seiten.

Der Wiederaufbau nach dem Großen Kantō-Erdbeben von 1923 formte Tōkyō rasend schnell zu einer modernen Stadt. Zur gleichen Zeit war ein neues Phänomen zu beobachten: Junge Frauen traten selbstbewusst in der Öffentlichkeit auf. Hatten sich die Töchter der Mittel- und Oberschicht bis dahin wohl behütet zu Hause aufgehalten, waren sie jetzt modisch nach dem neusten Trend gekleidet, allein oder mit Kolleginnen auf den Straßen Tōkyōs unterwegs. Völlig neu war, dass sie außerhalb ihrer Familie einer Beschäftigung nachgingen, und zwar an Arbeitsplätzen, die es zuvor gar nicht gegeben hatte, weil sie im Zuge der Modernisierung überhaupt erst entstanden.

Alisa Freedman, Laura Miller und Christiane R. Yano haben einen Sammelband mit insgesamt elf Beiträgen zu diesen „Modern Girls“, abgekürzt „Moga“, herausgegeben. Die Beiträge erforschen die neuen Arbeitsfelder der jungen Frauen, und zwar nicht nur in den 1920er und 1930er Jahren, sondern auch in späteren Jahrzehnten. Ihnen allen ist gemein, dass sie durch ihre Arbeit gesellschaftliche Grenzen verschoben und die Rolle der japanischen Frauen neu ausloteten.

Die Berufe kamen vor allem im Umfeld neuer Verkehrsmittel und Einrichtungen auf, die mit der Modernisierung bzw. Industrialisierung entstanden. So ist der Titel des Sammelbandes zu verstehen, der wunderbar gewählt ist: „to be on the go“ heißt „unterwegs sein“, zugleich aber auch „umtriebig sein“. Denn mit ihrer neuen Beschäftigung verstanden es viele Frauen, ihr konkretes Ziel eines anderen, aktiveren Lebens umzusetzen und sozial aufzusteigen. Viele von ihnen verfügten bald über ausreichend finanzielle Mittel, um Modeartikel zu kaufen. So wurden sie zu Ikonen der modernen Konsumkultur (Frühstück, S. 131, 134). Der Sammelband stellt Frauen und ihre Arbeitsbedingungen vor.

Moga: Schwarzweiß-Foto von drei jungen Frauen in westlicher Kleidung auf der Ginza.

01. Frauen im Modestil der „Moga“ – „Modan Gāru“ oder „Modern Girl“ – auf der Einkaufsmeile Ginza, in den 1930er Jahren

Über die Herausgeberinnen

Alisa Freedman ist Professorin für japanische Literatur, Cultural und Gender Studies, Comics- / Manga-Forschung bzw. Übersetzungs- und Sprachstudien an der University of Oregon.

Laura Miller ist Anthropologin und Professorin für Japanologie und Geschichte an der University of Missouri–St. Louis.

Christiane R. Yano ist Professorin für Anthropologie an der University of Hawai’i.

Über das Buch

Der Sammelband enthält ein Vorwort (4 Seiten, von Carol A. Stabile) und elf Hauptkapitel (zwischen 16 und 25 Seiten), versehen mit insgesamt 17 Abbildungen in Schwarzweiß.

Der Anhang umfasst eine Bibliografie (25 Seiten), Kurzbiografien der Beitragenden (4 Seiten), Anmerkungen (11 Seiten) und einen Index (12 Seiten).

Übersicht über die Kapitel

1. You go, Girl! Cultural Meanings of Gender, Mobility, and Labor (Alisa Freedman, Laura Miller, Christiane R. Yano)

Einführung der Herausgeberinnen in die Thematik, bisherige Forschung zum Thema, Aufbau des Bandes und Kurzvorstellung der Beiträge

Part I. New Female Occupations: Beispiele „klassischer“ Moga der 1920er und 1930er Jahre

2. Moving Up and Out: The „Shop Girl“ in Interwar Japan (Elise K. Tipton): Arbeit als Verkäuferin im Kaufhaus

3. Elevator Girls Moving In and Out of the Box (Laura Miller): Arbeit als Aufzugs-Dame

4. Sweat, Perfume, and Tobacco: The Ambivalent Labor of the Dancehall Girl (Vera Mackie): Arbeit als professionelle Tänzerin in einer Tanzhalle

 

Part II. Models and Modes of Transportation: Beispiele moderner Frauen der 1950er und 1960er Jahre

5. „Flying Geisha“. Japanese Stewardesses with Pan American World Airways (Christine R. Yano): Die ersten japanischen Stewardessen bei Pan Am, wahrgenommen als Botschafterinnen ihres Landes

6. Bus Guides Tour National Landscapes, Pop Culture, and Youth Fantasies (Alisa Freedman): Reiseleiterinnen in Bussen

 

Part III: Modern Girls Overturn Gender and Class: Beispiele für Frauen in klassischen „Männer-Berufen“

7. The Modern Girl as Militarist: Female Soldiers In and Beyond Japan’s Self-Defence Forces (Sabine Frühstück): Gründe für junge Frauen, Soldatinnen zu werden

8. The Promises and Possibilities of the Pitch: 1990s Ladies League Soccer Players as Fin-de-Siècle Modern Girls (Elise Edwards): Gründe für junge Frauen, professionelle Fußballspielerinnen zu werden

 

Part IV. Modern Girls Go Overseas: Kontakte zwischen Japan und den USA

9. Miss Japan on the Global Stage: The Journey of Itō Kinuko (Jan Bardsley): Eine Japanerin bei den Wahlen zur Miss World 1953 in Kalifornien

10. Traveling to Learn, Learning to Lead: Japanese women as American College Students, 1900-1941 (Sally A. Hastings): Beispiele des persönlichen Netzwerks, das die College-Leiterin Tsuda Umeko für ihre Studentinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufbaute und pflegte

11. A Personal Journey Across the Pacific (Yoko McClaine): Autobiografische Erinnerung einer Japanerin als Studentin und Professorin nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA

Die Ausgangslage

Durch den Kontakt mit Europa und den USA erlebten Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur Japans in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Veränderungen. Schrittweise fassten westliche Kleidung, Essgewohnheiten und Vergnügungen im Alltagsleben der Menschen Fuß – und dies zuerst einmal in den Großstädten.

Der architektonische Umbau Tōkyōs wurde noch durch die Folgen des Großen Kantō-Erdbebens von 1923 beschleunigt. Beim Wiederaufbau der Hauptstadt wurden die öffentlichen Verkehrsmittel in großem Stil weiterentwickelt, es entstanden neue Geschäfts- und Unterhaltungsviertel, moderne Architekturstile wie Art Deco zogen in die Stadt ein.

Moga und Mobilität

Seit Beginn der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren immer mehr junge Menschen auf der Suche nach Arbeit und gesellschaftlichem Aufstieg aus ihrem Heimatdorf in die Hauptstadt gezogen. Neue Berufe brachten vor allem jungen Frauen zuvor nicht dagewesene Möglichkeiten der Ausbildung außerhalb der Familie. In der Stadt bewegten sie sich jenseits der häuslichen Sphäre, in der sie sich nach traditionellen Vorstellungen aufhalten sollten (Freedman, Miller und Yano, S. 6). Nun arbeiteten sie außer Haus, leisteten „mit Glamour versehenen Dienstleistungen“ (Yano, S. 104): in Cafés, Kaufhäusern, Tanzhallen, in Lichtspielhäusern und Theatern, auf Ozeandampfern und später in Flugzeugen.

Die Modernisierung war mit dem Aufkommen neuer Verkehrsmittel verbunden, und auffallend viele Beschäftigungen für junge Frauen waren mit den neuen Transportformen verknüpft. Die Moga repräsentierten als „bus girls“ oder „elevator girls“ die neue Mobilität – Die meisten der neumodischen Berufe der 1920er Jahre hatten „girl“ als Bestandteil im Wort (Herleitung und Benutzung der Begriffe: Freedman, Miller und Yano, S. 5, Miller, S. 44-45). – Später verkörperten die jungen Frauen dann als Stewardessen die neue Transportform ihres Zeitalters (Yano, S. 105).

Die gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen der 1920er Jahre machten auf diese Weise neue weibliche Identitäten möglich (Miller, S. 50, Frühstück, S. 131, Edwards, S. 164). Und so beschreibt Yano „Moga“ als „women who did new things in new places“ („Frauen, die neue Dinge an neuen Orten taten“, S. 89). Die Begriffsbestimmung durch die Modern Girl Around the World Research Group bringt folgende Elemente zusammen: Modernität, jugendliche Weiblichkeit, fremde Ästhetik, Konsum (Yano, S. 89).

Denn die Frauen waren zwar zum Arbeiten in die Stadt gekommen, wurden aber bald auch zu Konsumentinnen neuer Freizeitvergnügen. Und dies ist das Bild, das die Medien von den Moga schufen: Gekleidet in westlicher Mode mit kurzem Rock und Glockenhut, mit Perlenkette, Ringen und Ohrringen, mit geschminkten Augen und Lippen – und vor allem mit Kurzhaarschnitt.

Dieses Konzept ist historisch genau verortet, es gilt für die 1920er und 1930er Jahre. Die Herausgeberinnen erweiterten den Begriff „Moga“ auf Frauen späterer Jahrzehnte, die ebenfalls die gesellschaftlich gesetzten Grenzen ihres Handels ausweiteten. Waren es erst die städtischen Verkehrsmittel oder das Kaufhaus, in denen die Frauen arbeiteten, war es später das Flugzeug: „linking the Jazz Age of the 1920s and 1930s to the Jet Age of the 1960s und 1970s in Japan“ („das Jazz-Zeitalter der 1920er und 1930er Jahre mit dem Jet-Zeitalter der 1960er und 1970er Jahre in Japan verbindend“, Yano, S. 89).

Moga: Schwarzweiß-Foto eines Fahrstuhls, im Inneren rechts die Aufzugs-Dame, links Kunden

02. Aufzugs-Dame, 1934

Moga: Schwarzweiß-Foto von drei Damen auf der Straße, 2 von ihnen tragen westliche Kleider und Hüte

03. Moga in Tōkyō

Moga: Schwarzweiß-Foto zweier chic gekleideter junger Frauen

04. Moga in exquisitem Outfit

MOga: Schwarzweiß-Foto von einer Japanerin, die sich mit einem Lockenstab das Haar wellt

05. Junge Frau mit Lockenstab

06. „Ausruhen im Schatten“ („Kage ni ikou“, 1930) von Yamakawa Shūhō (1898-1944)

Moga: Gemälde zweier Frauen in westlicher Kleidung, Sonnenhüte, Gitarre, moderne Handtasche

04.-06. Auf Bildern und Postern fahren sie Auto, gehen Einkaufen, Schwimmen, machen Sport, rauchen, trinken und tanzen (Mackie, S. 71) – auf den Werbeplakaten scheinen die Frauen attraktiv und zugleich gefährlich.

Befürchtungen

Inmitten der Phase großer Umorientierung – rasanten technischen Fortschritts, neuer Maschinen, einer Umorientierung in allen Lebensbereichen, einer Massenbewegung von jungen Menschen vom Land in die Städte – kamen moralische Bedenken auf, welcher Umgang für junge Frauen als angebracht gelten konnte, wenn diese ohne Begleitung außerhalb des schützenden Rahmens der Familie unterwegs waren.

Die neuen Berufe genossen unterschiedliches Ansehen. Umgeben von all dem Luxus war der Arbeitsplatz als Verkäuferin in einem Kaufhaus zwar hoch angesehen, zugleich aber war das Kaufhaus auch ein Ort, an dem sich junge Frauen und Männer potenziell näherkommen oder gar verabreden konnten, zumal das aus dem Westen stammende Konzept der romantischen Liebe (ren’ai) in Zeitschriften, Romanen und Hollywood-Filmen propagiert wurde (Tipton, S. 36; siehe auch die Empfehlung zu Tōkyō in Transit)

Gemälde einer Frau, die mit einer Tasse in der Hand scheinbar erschöpft am Tisch sitzt

07. Takehisa Yumeji: „Frau im Café“ (1915)

Aus den unterschiedlichen Beiträgen geht hervor, dass die Kritik an der neuen Selbstbestimmtheit der Frauen über die Jahrzehnte erstaunlich ähnlich blieb: Die Moga in den 1920er Jahren sah man als Opfer der Modernisierung, die jungen Frauen in den 1950er Jahren als Opfer der Amerikanisierung (Bardsley, S. 170).

Auch die Befürchtung vieler Familien, dass die jungen Frauen durch ihre Arbeit ihrer „eigentlichen Bestimmung“, dem Fortführen der Familientradition durch Heiraten und Kinderbekommen, nicht mehr nachkommen könnten, blieb über die Jahrzehnte bestehen (Yano, S. 96, Frühstück, S. 139).

Eine Reihe von Soldatinnen in schwarzen Uniformjacken, mit weißen Handschuhen, schwarzen Handtaschen, schwarz-weißen Kappen.

08. Oft entscheiden sich japanische Frauen für eine Karriere bei der Armee, um traditionellen gesellschaftlichen Erwartungen zu entgehen (Beitrag von S. Frühstück).

Vermittlerin zwischen Technik und Benutzer/innen

Die Frauen boten traditionellen Service in einem komplett neuen Arbeitsumfeld, sorgten etwa in Aufzügen oder in Flugzeugen für nostalgische Präsenz von gutem, altmodischem Dienen (Yano, S. 87). War die neue Technik für viele Kundinnen und Kunden mit Aufregung oder sogar Angst verbunden, wirkten die Aufzugsdamen und Stewardessen durch ihre zuvorkommende Haltung beruhigend. Sie verlegten das Bedientwerden, das vor allem die männlichen Gäste von Zuhause kannten, in die Aufzugs- bzw. Flugzeugkabine (Yano, S. 92).

So ist die Arbeit der jungen Frauen als Brücke zu neuen maschinellen Umgebungen zu sehen, durch sie wurden diese Techniken sogar attraktiv und anziehend, die entpersonalisierte Erfahrung wurde zu einem angenehmen zwischenmenschlichen Ereignis (Freedman, S. 107).

Schwarzweiß-Foto von 15 Flugbegleiterinnen, die sich untergehakt in einer Reihe vor einem Flugzeug posieren.

09. Am 27. August 1951, vor dem Testflug der ersten Inlandsverbindung von Japan Airlines, versammelten sich 15 Mitglieder der ersten Gruppe von „Air Girls“ (Flugbegleiterinnen) am Flughafen Haneda.

Die Bedeutung der Uniformen

In all diesen Berufen sind die Frauen uniformiert, und auch heute noch bestimmen Uniformen die Arbeitswelt in Japan. Diese bieten einen gewissen Schutz: Durch ihr einheitliches Aussehen, ihre oft ultra-weibliche Erscheinung mit einer extrem höflichen Ausdrucksweise, in einer besonders hohen Tonlage mit festgelegten Haltungen und Bewegungen, wirken die Frauen selbst fast maschinenhaft (Frühstück, S. 141).

Diese Wirkung verspricht den Gästen einerseits Sicherheit beim Aufbruch in eine neue Welt, bietet andererseits eine große Projektionsfläche: Zahlreiche Filme und Bücher handeln von Spekulationen der Erzählenden darüber, wer die Frauen jenseits ihrer Uniformen sind – bis hin zu erotischen oder pornografischen Vorstellungen (Freedman, Miller und Yano, S. 10-11, Freedman, S. 108-109, Frühstück, S. 142).

Neun Frauen in verschiedenen historischen Uniformen der Fluglinie ANA

10. Präsentation historischer Uniformen der Fluglinie ANA.

Exotismen und Mobilität

Die jungen Frauen in den Uniformen galten generell als außergewöhnlich, sie nahmen eine Zwischenposition zwischen Japan und dem Ausland ein: Zu einer Zeit, als noch wenige Menschen westliche Kleidung in Tōkyō trugen, galten in den 1920er Jahren Frauen in Uniform aufregend fremd auf ihre eigenen Landsleute.  

Zugleich rief aus ausländischer Sicht das Auftreten von japanischen Tanzpartnerinnen (in den 1920er und 1930er Jahren) oder später von Stewardessen bei Pan Am die üblichen Exotismen hervor (siehe Empfehlung „Europa im Farbenrausch“, Abschnitt „Fantasien“).

Moga: Schwarzweiß-Foto einer Tanzhalle, junge Frauen sitzen aufgereiht vor der Band

11. Die Idee der Tanzhallen wurde seit den 1920er Jahren aus den USA in asiatischen Großstädten übernommen. Gebaut in fremden architektonischen Stilen und ausgestattet mit phantasievollen Interieurs, boten die Hallen eine außergewöhnliche Umgebung. Hier arbeiteten Frauen, die sich beim so genannten Taxitanzen für jeweils einen Tanz durch einen Mann buchen ließen (Mackie, S. 68-69).

Asiatische Hafenstädte wurden „Verteilerzentren“ für Trends der Moderne. Wichtiges Drehkreuz war Shanghai, in den 1930er Jahren die kosmopolitische Stadt in Asien, Knotenpunkt der Ozeandampfer, für Handels- und Reiserouten (siehe auch die Empfehlung zu Shin-hanga, Abschnitt Moderne Stadtlandschaften). In Japan galten vor allem die Hafenstädte Ōsaka und Yokohama als besonders international. Junge Frauen, die in den Tanzhallen dieser Städte arbeiteten, zogen oft von Stadt zu Stadt (Mackie, S. 71-73).

12. Einige Frauen wurden in Übersee bekannt. Die Varieté-Darstellerin, Sängerin und Komikerin Kono San 1929 auf dem Weg zu ihrer Tournee durch Australien.

Moga: Schwarzweiß-Foto einer Japanerin, die nach westlicher Mode gekleidet ist und auf dem Deck eines Dampfers steht.

Japans Standort im internationalen Vergleich

Aus einigen Beiträgen geht hervor, dass es mit dem internationalen Auftreten japanischer Frauen zugleich um den Versuch Japans ging, als Nation an die führenden Staaten aufzuschließen, sei es während der Phase der Modernisierung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sei es nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Wettbewerbe standen und stehen dabei symbolisch für die Herausforderungen der Globalisierung und die Übernahme und Anwendung neuer Werte. Zu diesen Wettbewerben zählen Wahlen zur Miss Universe (Bardsley, S. 169) genauso wie Fußball-Weltmeisterschaften (Edwards, S. 153). Dies verdeutlicht, dass jenseits der Träume einzelner junger Frauen eine große Erwartungshaltung lag.

Tatsächlich änderte das mediale Auftreten der japanischen Frauen die Wahrnehmung des Landes. Auf Research Gate ist ein Foto zu sehen, das Jan Bardsley in seinem Beitrag über die Wahlen zur Miss Universe analysiert (S. 184 im Buch). Es zeigt das Zusammentreffen von Kronprinz Akihito mit Miss Japan Itō Kinuko im September 1953 in den MGM Studies, USA. Bardsley liefert eine hervorragende Interpretation dieses Fotos hinsichtlich der gesellschaftlichen Werte der neu installierten Demokratie: über den Vergleich der Körpergrößen der beiden, ihre jeweiligen Rollen im Nachkriegs-Japan, ihre westliche Kleidung, ihr Händeschütteln (Bardsley, S. 185).

Schwarzweiß-Foto einer sitzenden Japanerin mit äußerst gepflegtem Äußeren, Kette, Kleid

13. Itō Kinuko, 1953

Die japanische Frauenmannschaft aufgereiht, vor ihnen Mädchen in Fußball-Trikots.

14. Fußball hat in Japan eher das Image einer alternativen, individuellen Sportart, ganz im Gegensatz zum viel länger in Japan praktizierten Baseball, der als „streng kontrollierte Samurai-Version“ des Sports wahrgenommen wird (Edwards, S. 153).

Viele Fußballspielerinnen färbten sich die Haare und kleideten sich alternativ, sahen in der sportlichen Karriere eine Möglichkeit, dem vorgegebenen Rollenbild zu entgehen.

Akademikerinnen

Der Beitrag über japanische Frauen als College Studentinnen in den USA kann als Fortsetzung der Empfehlung zu Tsuda Umeko gelesen werden: Er handelt von dem Netzwerk, den Tsuda und ihre Mitstreiterinnen für ihre Studentinnen in den USA aufbauten, um den jungen Frauen mittels Stipendien einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. Viele von ihnen nahmen nach ihrer Ausbildung Führungspositionen an akademischen Institutionen in Japan ein.

Der letzte Beitrag ist autobiografisch und weicht deshalb von den übrigen Aufsätzen ab. Er stammt von Yoko McClaine. Als Enkelin des berühmten Schriftstellers Natsume Sōseki stammte sie aus einer bekannten, hochgestellten japanischen Familie. Später unterrichtete sie Japanisch an der Universität von Oregon. – Als Studentin lernte ich auch mit ihrem „Handbook of Modern Japanese Grammar“. Ihre persönlichen Erfahrungen ergänzen die Abhandlungen und sind eingebettet in das Kapitel der jungen Frauen, die in die USA gingen. Hier besteht eine besondere Beziehung zu Alisa Freedman, die jetzt an der Universität von Oregon lehrt.

Der Band ist lesenswert, denn …

… die Beiträge legen großen Wert auf den jeweiligen zeitgenössischen Hintergrund.

Alle Beiträge behandeln die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, den politischen und sozialen Kontext, die zeitgenössischen kulturellen Hintergründe, in denen die jeweiligen Frauen sich bewegten. Dabei reflektieren die Autor/innen stets einerseits die tatsächliche soziale historische Situation der modernen jungen Frauen und andererseits das Bild, das sich Öffentlichkeit und Medien, Literatur und Populärkultur von ihnen machte.

Moga: Bunter Farbholzdruck einer Dame in einem eleganten Kleid mit einer Wunderkerze in der Hand
MOga: Drei elegante Japanerinnen am Tisch sitzend, Sekt trinkend, auf dem Tisch eine Schale mit Obst.

15.-16. Zwei Drucke von Takehisa Yumeji (1884-1934), Mitte der 1920er Jahre

… die Quellen sind vielfältig.

Der Band versammelt Beiträge von Forschenden aus den unterschiedlichsten Bereichen wie Anthropologie, Geschichte, Literaturwissenschaften oder Visual Studies. Dementsprechend unterschiedlich sind die Quellen, die die Autor/innen nutzen. Dazu zählen literarische Erzählungen, Filme und Werke der Populärkultur genauso wie soziologische Erhebungen; Alltagsobjekte wie Briefe, Postkarten, Werbeposter, Etiketten, Spielsachen und Andenken oder Lieder (Freedman, S. 109). Für den ihren Beitrag interviewte Yano ehemaligen Stewardessen und nutzte Archivmaterial von Unternehmen (Yano, S. 86). Für die Untersuchung zu den Fußballerinnen nutzte Edwards Webseiten, Fan-Zeitschriften, Firmenbroschüren und Infomaterial zu Mannschaften (Edwards, S. 152).

Schwarzweiß-Portrait eines Mannes mit Brille

17. Einige zeitgenössische Zitate stammen von dem Architekten und Designer Kon Wajirō (1888-1973). Mit soziologischen Beschreibungen spürte er die Veränderungen des Stadtbildes und der Menschen auf, die sich beim Wandel zur modernen Großstadt in den 1920er und 1930er Jahren ergaben (Mackie, S. 70).

 

… die einzelnen Beiträge sind gut aufeinander abgestimmt.

Auffallend ist, wie gut die Beiträge des Bandes aufeinander abgestimmt sind: Es gibt zahlreiche gegenseitige Verweise, und bei thematischen Überschneidungen wird immer auf die entsprechend passenden Aufsätze im Buch verwiesen (als Beispiel: Frühstück, S. 141).

… die Aufsätze sind enorm aktuell.

Der Beiträge lassen Umbruchphasen lebendig werden: Jahrzehnte mit einschneidenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozessen. Die Frauen, die beschrieben werden, sind in diesen Zeiten angetreten, um ihre eigenen Ziele zu verwirklichen: ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen und sich von den gesellschaftlichen Einschränkungen zu befreien, die vor allem in Dörfern noch galten (Frühstück, S. 132, 134).

Wenn gesellschaftlich gesetzte Grenzen verschoben werden, scheint dies immer Bedenken hervorzurufen: Der Prozess wird zumindest von konservativer Seite als Symptom eines vermeintlich schlechten Einflusses gewertet.

Auch wenn Japan momentan in politischen Fragen von einer Frau gelenkt wird, ist dieses Projekt noch lange nicht abgeschlossen. Ein weiterer Sammelband wird nötig sein mit Beispielen von Frauen, die in großer Zahl mit absoluter Selbstverständlichkeit unter denselben Arbeitsbedingungen wie ihre männlichen Kollegen tätig sind.

Susanne Phillipps

23.09.2026 (Ausgabe 24)

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Bildnachweis

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Buch-Arrangement Modern Girls: Von Susanne Phillipps – Eigenes Werk

01: By Kineo Kuwabara – https://www.theguardian.com/cities/gallery/2019/may/17/the-lost-metropolis-1930s-tokyo-street-life-kineo-kuwabara-in-pictures, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=151338037

02: By 婦女界 – historical exhibition, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44353335

03: Mainichi Shimbun – 20世紀2001大事件[CD-ROM] https://www.amazon.co.jp/20%E4%B8%96%E7%B4%802001%E5%A4%A7%E4%BA%8B%E4%BB%B6-CD-ROM/dp/462090600X/ref=cm_cr_pr_product_top, パブリック・ドメイン, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13125891による

04: By Mainichi Shimbun – http://nakaco.sblo.jp/article/56634012.html, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44648084

05: 不明 – http://www.oldphotosjapan.com/en/photos/269/woman-curling-hair, パブリック・ドメイン, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44645902による

06: 山川秀峰 – Brown, Kendall H. and Sharon A. Minichiello, Taisho Chic: Japanese Modernity, Nostalgia, and Deco, Honolulu Academy of Arts, 2002, パブリック・ドメイン, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58532368による

07: By Yumeji Takehisa – 「竹久夢二展 河村コレクション全作品特別公開」1993年、グラナダ, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48420338

08: By Rikujojieitai Boueisho – Image https://lh3.googleusercontent.com/-hef_BBXivbs/UlirtAkeOHI/AAAAAAAAHA0/w9cg-7xRwJg/d/11_12_026_R.JPGGallery https://picasaweb.google.com/lh/photo/bhrjVEVN83_AZ5QwrRK3IdMTjNZETYmyPJy0liipFm0, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31885366

09: By Unknown author – https://www.47news.jp/5184151.html, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=121817081

10: Von Norio NAKAYAMA – https://www.flickr.com/photos/norio-nakayama/13245231815/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34062592

11: Di 大東京写真帖 – 『大東京写真帖』1930, Pubblico dominio, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=74901909

12: Australian National Maritime Museum on The Commons – https://www.flickr.com/photos/anmm_thecommons/7600829658/, No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42195845による

13: By 朝日新聞社 – 『アサヒグラフ』 1953年7月15日号, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35455952

14: By FutbolFoto – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=117152095

15: Von Takehisa Yumeji – 小川晶子「もっと知りたい 竹久夢二 生涯と作品」、2009年、ISBN 978-4-8087-0839-9, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=55122096

16: Von Takehisa Yumeji – 小川晶子「もっと知りたい 竹久夢二 生涯と作品」、2009年、ISBN 978-4-8087-0839-9, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=55499219

17: Par 投稿者によるスキャン — 『装苑』1956年10月号, Domaine public, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=97280657