Zeitreise nach Nagano (21.-22. Januar 2026)

Während meines Japan-Aufenthalts im Januar 2026 gab es zwei Tage, die etwas ganz Besonderes waren: eine Zeitreise in die Präfektur Nagano. Ich bekam die Einladung von Takizawa Keizō, als wir uns noch gar nicht persönlich kannten.

Unsere außergewöhnliche Begegnung

Im Frühjahr 2025 hatte ich die deutsche Übersetzung seines Reiseberichts von 1964 in dieser Online-Zeitschrift empfohlen. Als junger Student der Waseda-Universität hatte er im Alter von 22 Jahren gemeinsam mit drei anderen Studenten eine groß angelegte, außerordentlich aufwendig organisierte Reise von mehreren Monaten durch Deutschland unternommen. Eineinhalb Jahre hatten sie sich darauf vorbereitet, alle deutschen Städte angeschrieben, Personen kontaktiert. In Deutschland fuhren sie Tag für Tag in eine andere Stadt, besuchten Jugendclubs, Universitäten und christlich geführte Ausbildungsheime, übernachteten bei Gastfamilien und in Jugendherbergen. Sie knüpften Kontakte und hielten Vorträge über ihr Heimatland. Für viele Deutsche waren sie wahrscheinlich die ersten Japaner, die sie persönlich trafen.

Der Bericht ist eine Momentaufnahme des damaligen Deutschlands, gesehen und beschrieben von einem jungen Mann aus einem ganz fremden Kulturkreis. Er zeigt Deutschland noch vor der Studentenrevolution von 1968. Die Studenten trugen Anzug und Krawatte, vor allem Kinder aus reichen Familien konnten sich ein Studium leisten. Zugleich kommt in dem Bericht der tiefsitzende Schock über den Mauerbau vom August 1961 zum Ausdruck.

Buch vor dem Brettspiel Deutschlandreise

01. Empfehlung von „1964. Vier japanische Studenten erkunden Westdeutschland“

Etwa zwei Monate nach der Veröffentlichung meiner Empfehlung kam eine wunderbare, in sehr höflichem Japanisch formulierte Mail: „Ich bin der Autor des Berichts von 1964.“ Wir schrieben uns in den folgenden Wochen und Monaten, und es entwickelte sich eine Mail-Freundschaft.

Inzwischen ist Takizawa-san 83 Jahre alt, immer noch neugierig auf die Welt und erforscht die Aktivitäten seines Großvaters Takizawa Ekisaku. Dieser lebte in der Präfektur Nagano, war Archäologe und Haiku-Dichter. Als Archäologe ging er morgens in aller Frühe über die Felder und Äcker seiner Heimat und sammelte die Bruchstücke, die der Boden hergab. Mit den Universitätsprofessoren und Forschern seiner Zeit stand er in Briefkontakt. Auch als Haiku-Dichter war er gut vernetzt, tauschte mit Dichtern seiner Zeit Papierstreifen mit Gedichten aus.

Buch vor dunklem Hintergrund

02. Das Buch über den Großvater Takizawa Ekisaku: „Hahendōjin no ayumi“ („Der Weg des Mannes von der Halle der Bruchstücke“).

Der Großvater nannte sein Zuhause „Halle der Bruchstücke“, da er dort seine Fundstücke in Körben aufbewahrte.

Takizawa-san wandelt nun schon einige Zeit auf den Spuren seines Großvaters. Nach dem Großen Erdbeben von Nordostjapan im März 2011 reichte er ein Haiku beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk NHK ein. Das Gedicht wurde prämiert.

「縄文の地脈に津波曼殊沙華」

Jōmon no / chimyaku ni tsunami / manjushage

Tsunami in den Adern der Erde / der Jōmon-Zeit / Spinnenlilien

 

Rote Blüten vor dunklem Hintergrund

03. Rote Spinnenlilien (Lycoris radiata)

Die „Adern der Erde“ bezeichnen unterirdische Wasserströme oder die Beschaffenheit von Felsformationen (wie Mineraladern), sie stehen für die Energien der Welt. Die Jōmon-Zeit ist eine Epoche der Vorgeschichte Japans (etwa 14.000 bis 300 v. Chr.). Rote Spinnenlilien (higanbana oder manjushage) werden mit dem Tod beziehungsweise dem Leben nach dem Tod in Verbindung gebracht. Oft bringen Angehörige diese Blumen an die Gräber der Verstorbenen.

Das Haiku ist meisterhaft, weil es die Kräfte der Natur und die Trauer der Menschen nach der Katastrophe auf universelle Weise in sich vereint. Zugleich verbindet Takizawa-san mit diesem Gedicht die Aktivitäten seines Großvaters: die Archäologie (Jōmon-Zeit) und das Dichten.

Inzwischen bearbeitet er das Tagebuch seines Großvaters, das vor kurzem in einem Archiv gefunden wurde.

Die Einladung

Als ich meinen Japan-Aufenthalt für Januar 2026 plante, lud Takizawa-san mich zu einer Kurzreise nach Nagano ein: dem Ort seiner Kindheit und Jugend. Von dem Zeitpunkt an, als ich die Einladung bekam, freute ich mich auf die Reise. Sie sollte etwas ganz Besonderes werden. Es war geplant, die beiden Tage in der Kleinstadt Obuse und in der Stadt Nagano zu verbringen. In diesen beiden Tagen überwanden wir viele Zeitgrenzen, befanden uns mal im 7. Jahrhundert, mal im 19., dann wieder im 21. Jahrhundert. Wir waren manchmal sehr jung, dann wieder sehr alt. Wir sprangen in den Zeiten.

Mit dem Shinkansen nach Nagano

Takizawa-san hat schon im Vorfeld die Zugfahrkarten besorgt. Ich steige in Tokyo in den Hokuriku Shinkansen ein, er steigt in Ōmiya zu. Gut sieht er aus: Über seinem Pullover und seinem Jackett trägt er einen Anorak, ein Halstuch und seinen Hut.

Ausschnitt aus einer Landkarte von Honshū

04. Der Streckenverlauf des Hokuriku Shinkansen

Seine Augen lachen, als er mich begrüßt. In nur eineinhalb Stunden sind wir von Tokyo aus, vorbei an Karuizawa, in Nagano angekommen. Diese gute Verbindung ist ein Produkt der Olympischen Winterspiele von 1998. Ich erinnere mich, dass damals einige Bekannte für einige Wochen nach Nagano reisten, um für die Sportlerinnen und Sportler zu dolmetschen.

Als Takizawa-san als Student zum ersten Mal mit der Bahn nach Tokyo fuhr, brauchte er viele Stunden. Auch der Bahnhof wurde für die Olympiade vergrößert und erneuert. Mehrmals zeigt er auf die große Fassade mit den riesigen Holzpfeilern, schaut auf die Straße hinunter: „In meiner Kindheit war das alles kleiner.“

Bunte Sportler-Figuren als Blüte stilisiert

05. Logo der Olympischen Winterspiele in Nagano 1998

Panorama-Blick auf die Gebäude vor dem Ostausgang

06. Die breit angelegte Fußgängerüberführung am Ostausgang des Hauptbahnhofs von Nagano

Jetzt sind hier überraschend viele englischsprachige Winterurlauber unterwegs. Mit großen Rollkoffern, in Skiausrüstung, manche mit Ski- und Snowboard-Säcken, stürmen sie aus den Zügen in die Busse, die sie in berühmte Skiorte bringen, mit heißen Quellen und Pisten aller Schwierigkeitsgrade. Später recherchiere ich im Internet: Englischsprachiges Service-Personal wird dort gesucht.

Obuse

Nicht weit von Nagano – mit der Nagano-Bahn (Nagano dentetsu) etwa vierzig Minuten – liegt die Kleinstadt Obuse. Mit etwas Glück erwischt man einen Panorama-Wagen. Von unserem Sitz in der ersten Reihe haben wir einen wunderbaren Blick auf die Schienen, die Häuser rechts und links der Bahngleise („Hier war meine Schule!“) und auf die weiß gepuderten Bergketten im Hintergrund.

Von Gebäuden gesäumte Schienen
Berge im Hintergrund
Bäume, Berge im Hintergrund
Einfahrt in Bahnhof

07.-10. Blicke aus dem Panorama-Wagen der Nagano-Bahn auf der Strecke nach Obuse

Die Berge rücken immer näher, wie Kulissen sind sie in Ketten hintereinander aufgereiht. Takizawa-san sagt, nach dieser Bergkette kommt wieder eine, und so geht es immer weiter. Es gibt sogar ein Lied dazu, er singt die ersten Zeilen.

Obuse ist eine Kleinstadt mit einem kleinen Bahnhof, an dem der Bahnangestellte die Tickets noch in einem Pappkarton einsammelt. Es gibt viele traditionelle Häuser entlang enger Straßen, einzelne alte Bäume, Felder, Plantagen mit Esskastanienbäumen. In einigen Straßenzügen scheint die Zeit stehen geblieben. Diese Stadt besuche ich jetzt mit dem 83-jährigen Freund.

Vor allem aber ist Obuse berühmt, weil der weltberühmte Maler Katsushika Hokusai (1760-1849) im hohen Alter von über achtzig Jahren die Stadt viermal besuchte. Er kam auf Einladung des reichen Bauern und Händlers Takai Kōzan.

Bahnhofsschild

11. Am Bahnhof von Obuse

Vorhalle des Bahnhofs

12. Der Bahnangestellte erklärt den Weg zum Hokusai-Museum.

Blick auf Kastanienbäume

13. In Obuse

Vorplatz des Hokusai-Museums

14. Das Hokusai-Museum

Katsushika Hokusai

Wahrscheinlich mit seiner Tochter wanderte Hokusai in den 1840er Jahren in etwa acht Tagen von Edo, dem damaligen Tokyo, nach Obuse, unterwies seinen Mäzen in den Künsten und hinterließ als Gegenleistung für seine Einladung Kunstwerke, die man heute besichtigen kann. Im Hokusai-Museum (Hokusai-kan) sind zum Beispiel zwei Trageschreine zu besichtigen, deren inneren Deckengemälde von ihm gestaltet wurden. Der eine Trageschrein zeigt einen Drachen und einen Phönix (von 1844).

Hokusai: quadratisches Bild mit Drache
Hokusai: quadratisches Bild mit Phönix

15.-16. Vor flammend rotem Hintergrund, umgeben von blauen Wellen und weißer Gischt, schaut der Drache mit stechendem Blick auf uns herunter. Der Phönix steigt wie ein glühender Ball auf, breitet seine grünen und roten Federn aus, eingerahmt von seinen goldenen Schwanzfedern.

Hokusai: Trageschrein

17. Besonders angetan haben es mir die beiden Bilder eines weiteren Trageschreins. Sie zeigen (der Erklärung nach männliche und weibliche – wütende) Wellen und stammen aus den Jahren 1845 und 1846. Vor dem Hintergrund von Wasserstrudeln und umgeben von wilder Gischt greifen unendlich viele gekrümmte Finger in die Welt.

Diese Wellen haben eine ungeheure Kraft, eine ungeheure Lebendigkeit. 

Hier wird mir zum ersten Mal bewusst, warum dies ein so besonderer Ausflug ist: Es ist die Kraft dieser älteren Herren, sowohl von meinem Freund Takizawa-san wie auch des Künstlers Hokusai. Diese beiden Männer stehen bzw. standen trotz ihres hohen Alters in regem Austausch mit der Welt, sich ihrer eigenen Grenzen bewusst und trotzdem mit dem Willen, noch etwas zu schaffen. Ich tauche in diese Kraft ein und versuche so viel wie möglich von ihr zu lernen und aufzunehmen.

Hokusai: wild um sich greifende Wellen

18. Die beiden Wellen-Bilder, die ich als shikishi, als quadratische, mit feinem Papier bespannte und mit Goldrand versehene Kartons, mit nach Berlin gebracht habe

An beiden Tagen denke ich viel über das Alter und das Altern nach. Kaibara Ekiken, ein konfuzianischer Gelehrter, hat ein Buch veröffentlicht, wie man leben solle, um möglichst gesund möglichst alt zu werden („Yōjōkun, Regeln zur Lebenspflege“, 1713). Die Tipps und Hinweise enthalten viel Lebenserfahrung und zugleich eine große Portion Aberglaube. In allem empfiehlt Ekiken Zurückhaltung.

Hokusai hat ein ganz anderes Leben geführt. Er hat getrunken, immer über seine Grenzen gelebt, seinen Körper ruiniert, sich nicht an Konventionen gehalten, war immer auf Achse, ist unzählige Male umgezogen, lebte oft in Armut, und hat wohl (fast) immer getan, was er wollte. Trotzdem wurde er 90 Jahre alt.

Vielleicht weil er einen Lebenssinn hatte. Sein Ziel war bis zum Schluss: das Malen.

Unterstützt wurde er von seiner Tochter. Sie war fast immer an seiner Seite, sowohl im Künstlerischen wie auch im Alltag.

Das Altern muss ihn aber trotzdem beschäftigt haben. Das wird an den Motiven deutlich, die er im hohen Alter in Obuse malte: den Phönix, der sich immer selbst erneuert, der in Flammen aufgeht und aus der eigenen Asche als junger Vogel wiedergeboren wird; der Drache, das glücksbringende Wesen mit seiner immensen Lebenskraft.

Vom Hokusai-Museum aus fahren wir zum Tempel Ganshoin. Hier gibt es ein Deckengemälde von Hokusai. Am Eingang ziehen wir die Schuhe aus, es ist eiskalt, auch drinnen im Tempel. Wir sitzen auf Bänken, schauen nach oben, eine Frau erklärt uns die Fakten zur Entstehung des Gemäldes: die Anreise von Hokusai, das Mäzenatentum, die Arbeitsweise. Später schauen wir uns den Phönix an der Decke von verschiedenen Stellen aus an. Immer scheint er uns anzuschauen, egal, wo wir unten stehen. Hokusai verarbeitete hier Farben im Gegenwert von zwei Kilogramm Gold. Das Gemälde wurde noch kein einziges Mal restauriert, befindet sich noch im Originalzustand, und die Farben strahlen noch immer.

Ein kleines Bild zeigt Hokusais ersten Entwurf. Es ist weit weniger dynamisch als das Deckengemälde, das er schließlich realisierte. Es ging ihm wohl um die Bewegung, die Dynamik, das Leben.

Hokusai: Phönic

19. Das Deckengemälde des Tempels Ganshoin ist etwa 5,8 Meter mal 6,3 Meter groß, umfasst etwa 37 Quadratmeter.

Wie fast immer hat Takizawa-san auch hier Fragen und kommt mit der Frau, die uns die Erklärungen gab, ins Gespräch. Er erzählt ihr, dass er 83 Jahre alt sei, und spontan antwortet sie: „Mada o-wakai desu! Dann sind Sie ja noch jung! Hokusai malte den Phönix hier mit 89 Jahren.“ Seine Augen strahlen, und er sieht tatsächlich unglaublich jung aus. Ich bin glücklich, mit einem so lieben älteren Herrn unterwegs zu sein.

Überall fallen wir auf. Er, weil er aus Neugierde alle anspricht. Die Leute ehren das Alter, und er weiß es, sagt mir augenzwinkernd, dass niemand ein Gespräch mit ihm, einem alten Mann, verweigert. Ich, die Japanisch sprechende Ausländerin, an seiner Seite. Schon am Bahnhof sind wir aufgefallen, mit zwei Reisenden ins Gespräch gekommen, später winken sie uns von einem Restaurant aus zu.

Am frühen Abend fahren wir mit der Bahn zurück in die Stadt Nagano.

Hotel-Komfort des 21. Jahrhunderts

Dort erwartet mich im Hotel der Konditorei Châteraisé eine besondere Überraschung: Beim Einchecken gibt es Kaffee und Kuchen. Dies ist die ganz moderne Version von Nagano: ein Gebäude mit einer großen, gläsernen Empfangshalle, einer riesigen Freitreppe und einem Konzertsaal. Die Aufzüge gleiten außen an der Fassade entlang nach oben: bis zum 6. Stock mit Blick in die gläserne Halle, danach mit Panorama-Sicht auf die Stadt.

Oben im 10. Stock gibt es ein großes Bad. Am Abend sitze ich im heißen Wasser und genieße den schönen Blick auf die Lichter der Stadt. Nach dem Bad warten in einer Gefriertruhe die unterschiedlichsten Eissorten von Châteraisé, darunter besondere Geschmacksrichtungen wie Kiwi.

20.-21. Kaffee und Kuchen zum Empfang im Hotel der Konditorei Châteraisé

Erklärung der Zusammensetzung der Torte
Set von Kaffee und Kuchen

Tief beeindruckt bin ich, als wir am nächsten Morgen wieder hinauffahren. Auch das Restaurant befindet sich im 10. Stock: eine rundum verglaste Banketthalle von mindestens zwei Stockwerken Höhe. Hier gibt es das Frühstück, mit Blick auf die Stadt und die sie umgebenden Berge. Das Buffet ist exquisit und lässt keinen Wunsch offen. Neben gegrilltem Lachs und japanischem Frühstück gibt es Köstlichkeiten der Region (Enoki-Pilze oder Bohnen in Soja-Sauce), Bratkartoffeln und Salate, Toasts, Joghurt und Obst, Kuchenstücke der Konditorei. Alle Delikatessen sind wunderschön angerichtet und mit ausführlichen Erklärungen versehen.

Unten liegt in direkter Nachbarschaft zum Hotel der Bahnhof. Wie eine Schlange zieht sich die Trasse des Shinkansen links am Gebäude vorbei. Es hat geschneit und auf einem Parkplatz räumen Männer mit großen Schiebern den Schnee auf die Seite. Die Autos bewegen sich auf den Straßen, die Leuchtreklamen pulsieren.

Aber das Beeindruckende ist der Himmel. Er ist ständig in Bewegung. Zwischen blauen Abschnitten rasen Wolken in den unterschiedlichsten Grautönen wie Wellen auf uns zu, ziehen weiter, der Schnee wirbelt herunter.

Gebäude im Zentrum von Nagano

22. Blick hinunter auf die Straße

Blick auf die Gebäude der Stadt, im Hintergrund die Berge
Blick auf die Gebäude der Stadt, im Hintergrund die Berge

23.-24. Immer neue Wolkenformationen am Himmel

Der Tempel Zenkōji

Die Sonne ist hinter nebligen Schleiern zu erahnen, es ist kalt und es schneit. Eine schnurgerade Straße führt vom Bahnhof hinauf zum Tempel Zenkōji. Vor dem Eingang zum Tempelbezirk stehen alte Häuser, die traditionsreiche Geschäfte beherbergen: „Diese hier gab es schon zu meiner Kindheit!“

Traditionelle Gebäude im Schnee

25.-26. Gebäude an der Straße, die zum Tempel führt

Traditionelle Gebäude im Schnee

Wie die Pilger in den letzten Jahrhunderten wandern wir hinauf. Die von Schnee leicht bepuderten Kiefern sehen unglaublich schön aus, sie scheinen Teil eines Gemäldes von Hokusai zu sein.

Kiefer

27.-28. Weiß gepuderte Kiefern

Krone einer Kiefer
Wächterfigur mit geschlossenem Mund

Wir durchschreiten mehrere Tore. Mit jedem Schritt geht es in der Zeit zurück, über 1.400 Jahre weit in die Vergangenheit. Eine zentrale Straße, die Nakamise, die gesäumt wird von kleinen Läden, Restaurants und Imbissbuden, führt zum Tempel hinauf.

29.-30. Die beiden Angst einflößenden Wächterfiguren im Tor der Tempelwächter (Niō-mon)

Wächterfigur mit offenem Mund
Blick auf die Nakamise mit Tempeltor im Hintergrund

31.-32. Die Geschäfte der Nakamise, die schon seit Jahrhunderten Pilger und Touristen versorgen

Blick auf eine Reihe von Geschäften
im Vordergrund Lotosblätter in einem Teich, im Hintergrund die Holzkonstruktion des Tores

33. Ein Bild aus dem Internet zeigt das Bergtor (Sanmon) vom Lotosteich (hasuike) aus. Der Teich ist bei unserem Besuch zugefroren, aber Takizawa-san erklärt mir, dass hier besonders alte Lotos-Pflanzen kultiviert werden.

Blick aus Vogelperspektive auf die Gebäude

34. Das Sanmon und die Haupthalle auf einem Holzblockdruck aus der Mitte des 19. Jahrhunderts

hoch aufragendes Gebäude mit steil geschwungenen Dächern

35. Schließlich liegt die riesige Haupthalle des Zenkōji vor uns. Die Stadt Nagano entstand um diesen Tempel herum.

Der Erklärung nach soll hier die erste Buddha-Statue Japans stehen, die Mitte des 6. Jahrhunderts von China über Korea nach Japan gekommen ist. Aber niemand darf sie sehen. Ein freundlicher Mönch unterhält sich lange mit uns, zeigt auf die verschiedenen Buddha-Figuren in der großen Halle und erläutert sie uns.

Dann steigen wir die steilen Treppen hinunter in einen Gang. Es ist stockdunkel, man kann gar nichts, rein gar nichts sehen. Wir tasten uns an der abgegriffenen Wand entlang. Man spürt das Holz der riesigen Pfeiler, die den Tempel stützen. Es geht um mehrere Ecken, im Dunkeln, im Nichts. Mit unseren Händen an der Wand sind wir dem Heiligtum über uns ganz nah. Endlich wird es wieder ein bisschen heller. Wir gelangen an die Treppe, die uns wieder nach oben, in diese Welt führt.

Takizawa-san kommt mit den Mönchen vom Tempelbüro ins Gespräch. Es ist eisig, von unten her drückt die Kälte in meinen Körper. Der freundliche Mönch, der uns die ersten Erklärungen gab, kommt zu mir: „Komm hierher!“ Er öffnet eine kleine Stellwand. Dahinter steht ein massives Gefäß, in dem Kohle glüht, ein kleines Bänkchen steht davor.

Ich strecke meine Beine aus, die fast kein Gefühl mehr haben. Wir erzählen, und es geht auch um die Frage, dass niemand weiß, wann man von dieser Welt gehen muss.

Zum Abschluss unseres Besuchs knien wir uns in der Haupthalle nieder. Bei einer kleinen Zeremonie wird ein Vorhang nach oben gezogen und ein dahinter liegender Raum wird sichtbar. Es ist eine beeindruckende Atmosphäre, die mich an die besonderen Anlässe erinnert, zu denen Marienfiguren in katholischen Kirchen gezeigt werden.

große Halle mit aufwendig verzierten Lampen
große Halle mit aufwendig verzierten Lampen

36.-37. In der Haupthalle 

Im Zentrum des Bildes das Orange der glühenden Kohle

38. Das wärmende Kohlebecken

Soba

Nagano ist berühmt für seine Soba-Nudeln. Am Vortag haben wir schon Nudeln gegessen und heute sucht Takizawa-san ein Soba-Restaurant in der Nähe des Tempels, in dem er schon als Kind war – und findet es. Als wir hineinkommen, blubbert ein warmer Ofen in der Mitte des Ladens, Wir wärmen uns auf, es kommt wieder Leben in meine Glieder. Hier war er also schon als Kind, und die Besitzerin sagt, den Laden gibt es seit 140 Jahren.

Zwei Gedecke Tempura Soba

39. Tempura Soba

Die Zeiten überdauern

Die Begegnungen, die besonderen Orte zeigen mir: Es geht um die Vergänglichkeit – und um das Überdauern der Zeiten. Öfters sagt Takizawa-san, wenn man keine Werke schafft, nicht veröffentlicht, verschwindet man. Viele Menschen haben den Wunsch, durch ein Werk der Nachwelt erhalten zu bleiben. Natürlich bleibt ein Genie wie Hokusai unvergessen, aber viele hegen den Wunsch im Kleinen, durch ihre Bücher, durch ihre Forschung im Gedächtnis zu bleiben. Er veröffentlicht jetzt die Schriften seines Großvaters.

Die Zeiten vermengen sich. Vor dem ersten Tempeltor steht an der Straße das berühmte Restaurant Fujiya Gohonjin. Das ursprüngliche Gebäude wurde 1648 gebaut und war im Besitz der mächtigen Daimyō-Famile Kaga, die es nutzte, wenn sie auf ihrem Weg nach Edo, dem damaligen Tokyo, war. Das jetzige Gebäude aus Stein wurde 1925 fertiggestellt und als Hotel eröffnet, in einem wilden Stilmix aus traditionell japanischen Veranden und Innengärten und klassisch westlich-moderner Einrichtung. Wir schauen uns die Räumlichkeiten an: Empfangsräume für besondere Anlässe, eine Bar, ein Restaurant, ein Café.

Straßenfront eines etwa einhundert Jahre alten Hauses aus Stein

40. Straßenfront des Fujiya Gohonjin

Fenster zum Innengarten
Sessel vor Innengarten

41.-44. Innenansichten des Fujiya Gohonjin

Barhocker vor Wand mit Neon-Leuchten
Sessel vor Steinwand

Es ist die letzte Station unserer gemeinsamen Reise. Und mir kommt es vor, als sei das Gebäude eine Zusammenfassung unserer beiden Tage: die Epochen, die sich überlagern, ineinanderfließen: Eine Schicht baut auf der vorherigen auf und es ist so schön, wenn die alte nicht ganz verschüttet wird.

Fragen von Vergänglichkeit und Überdauern.

Die Pilger und jetzt die Touristen, die seit vielen Jahrhunderten zum Tempel kommen.

Hokusai, der hier hoch in die Berge wanderte.

Takizawa-sans Großvater, der Freude an der Forschung hatte, Tagebuch führte und in der Lokalzeitung Artikel veröffentlichte.

Takizawa-san, der diese dem Vergessen entreißt.

Skizzen von Hokusai: Entwürfe für Wappen

45. Papiertüte aus dem Museumsladen mit Skizzen von Hokusai: Entwürfe für Wappen

Vielen herzlichen Dank, lieber Takizawa-san, für die vielen Eindrücke auf dieser wunderbaren Reise.

Susanne Phillipps

09. Februar 2026

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Bildnachweis

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02: © Shinanō Mainichi Shinbun (Shinmai), Takizawa Keizō

03: Von t.kunikuni – https://www.flickr.com/photos/135459711@N05/29578900933/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=146023465

04: Von Kawasemi556 – 地図: Eigenes Werk使用データ: 国土交通省 国土数値情報(行政区域(N03)・鉄道(N02)・湖沼(W09)), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=126743863

05: Von Unbekannt – SVG erstellt mit Adobe Illustrator, Logo, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=3727246

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14: By キャンター – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=115631305

19: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=313152

33: Von Christophe95 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=91348530

34: Von unkwnon, Hasegawa distrib. – Catalogue, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58324043

36: Von Zairon – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=86711019

37: Von Zairon – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=86711022

45: © Hokusai-kan, Obuse

alle anderen Abbildungen: Von Susanne Phillipps – Eigenes Werk