Puppenhafte Wesen mit großen Augen – eine Zeitreise durch die Welt des Niedlichen

Joshua Paul Dale (2023). Irresistible. How Cuteness Wired Our Brains and Conquered the World. London: Profile Books; als Paperback: 2024, 278 Seiten.
„Kawaii!!“ – gibt es einen Begriff, der in Japan, gern in schrill-hoher Tonlage, häufiger ausgerufen wird? Er bedeutet „süß“, „niedlich“ oder „liebenswert“, in meinem Heimatdialekt würde man „goldig“ sagen. Einfache, kindliche, charmante Elemente zeigen sich in Kunst und Popkultur, in der Mode, in der Technik, sie sind Marketing-Strategie und Konsum-Anreger. In den letzten Jahrzehnten wurden Ästhetik und Alltagskommunikation in Japan immer mehr von Niedlichkeit durchdrungen.
Dementsprechend interdisziplinär ist die Untersuchung des Phänomens: Verschiedene Forschungszweige wie Kunstgeschichte und Psychologie, Kultur-, Medien- und Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit Aspekten der Niedlichkeit.
Über den Autor
Joshua Paul Dale promovierte in der Abteilung für Englisch an der University at Buffalo, State University of New York und ist jetzt Professor an der Abteilung für Englische Sprache und Kultur an der Chūō-Universität in Tōkyō.
Zu seinem Forschungsfeld „Cute Studies“ unterhält er eine eigene Webseite.

01. Inzwischen setzen alle japanischen Regionen, Städte und Unternehmen – auch die Selbstverteidigungsstreitkräfte – zur Vermarktung „weiche Charaktere“ (yuru kyara) ein: niedliche, in ihrem Auftreten meist unbeholfen wirkende Maskottchen (S. 14).

02. Unter allen Figuren sticht Hello Kitty als berühmteste hervor: Erfunden wurde sie von der Designerin Shimizu Yūko, vermarktet durch die Firma Sanrio. Die Katze wurde zu einem riesigen kommerziellen Erfolg und zum Exportschlager, inzwischen als Teil der „Cool Japan“-Kampagne sogar Botschafterin Japans im Ausland
Über den Band
Der Band umfasst eine Einleitung (15 Seiten) und zehn Kapitel (zwischen 15 und 22 Seiten).
- Ancient Japanese Cuteness: Niedliches in der Heian-Zeit (794-1185)
- The Border between Wild and Tame: Genetische Effekte der Domestizierung
- Cuteness in the West: Suche nach Niedlichem in der europäischen Kunst
- Kawaii in the Hermit Kingdom: Niedliches in der Edo-Zeit (1600-1868)
- Growth in Reverse: Neoteny and the Neural Crest: Umsetzung der äußerlichen Merkmale verzögerter körperlicher Entwicklung bei Spielfiguren, Manga- und Anime-Figuren
- Cute Attains its Modern Meaning: Babys und Kinder als Hauptdarsteller/innen auf US-amerikanischen Bühnen des 19. Jahrhunderts
- The Evolutionary Substrate of Cuteness: Theorien der Domestizierung, Sozialisierungsfenster, potenzielle Vorteile der Zahmheit
- Kawaii in Modern Japan: nicht „Youthquake“, sondern „Cutequake“, Mädchen und junge Frauen als Trendsetterinnen
- Are We a Self-Domesticated Species? Möglicher Einfluss der Sprache auf den menschlichen Domestizierungsprozess
- The Future of Cuteness: Anwendungen als Freizeitvergnügen, bei Robotern und mit KI
Der Anhang umfasst die Anmerkungen (38 Seiten), eine Bibliografie (19 Seiten), eine Danksagung (2 Seiten) und einen Index (13 Seiten).
Der Band enthält insgesamt 21 Abbildungen in Schwarzweiß.
Herangehensweise
Das Buch stellt eine Kombination verschiedener Herangehensweisen an das Phänomen des Niedlichen bereit. Dale forscht in der europäischen Kunstgeschichte und in der US-amerikanischen Populärkultur nach Vorläufern der niedlichen Formen, zeichnet außerdem die historische Entwicklung in Japan nach. Seine Ausführungen verdeutlichen, dass sich das Phänomen in den Kulturen zunächst getrennt voneinander entwickelte. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts beeinflussten sich Ideen und Vorstellungen zur Niedlichkeit dann international. In Japan nahm das Phänomen danach eine ganz eigene Entwicklung.
Das Besondere an dem Buch ist, dass Dale diese ästhetischen und soziokulturellen Untersuchungen mit Ergebnissen aus Forschungsfeldern der Biologie anreichert. Die Kapitel bewegen sich abwechselnd auf diesen beiden Ebenen.
Die Begriffe „cute“ und „kawaii“
Dale sieht „cute“ als die beste englische Übersetzung für den Begriff „kawaii“. Mit Hilfe von zeitgenössischen Texten und Wörterbucheinträgen verfolgt er die Bedeutungsverschiebung des Begriffs „cute“ über die Jahrhunderte nach: von „klug“ hin zur Beschreibung eines süßen Äußeren eines (Klein)Kinds, das sich unbeholfen verhält, manchmal ungezogen ist (S. 69-70, 114, 122).
An mehreren Stellen benutzt er den Begriff „cutify“ im Sinne von „to make (something, someone) cute”, also „niedlich machen“, „verniedlichen“. Ganz Japan betrachtet er als inzwischen „cutified“.
Der japanische Begriff „kawaii“ ist laut Dale viel umfassender (S. 3), außerdem „more immediate and less filtered“ („unmittelbarer und weniger gefiltert“, S. 150). Er zeigt, wie sich der Begriff im Gebrauch historisch entwickelte und wie sich seine Bedeutung über die Jahrhunderte verschob (S. 149-152), bis er schließlich Anfang des 20. Jahrhunderts in Japan vor allem im Zusammenhang mit der Mädchen- und Frauenkultur gebraucht wurde (S. 3).
Erscheinungsformen des Niedlichen
Dale nähert sich dem Phänomen Niedlichkeit über Alltagsbeobachtungen: Er beschreibt Figuren mit einer kleinen Körpergröße und einem bestimmten Größenverhältnis von Kopf und Rumpf. Große Augen dominieren das Gesicht mit prallen Wangen, einem zurückgenommenen Kinn und einem leicht geöffneten Mund. Die Figuren haben eine weiche Haut oder ein Fell und bewegen sich vergleichsweise unbeholfen (S. 8-10).
Um das Phänomen greifbarer zu machen, zieht Dale Ergebnisse aus der Biologie heran: Alle Eigenschaften passen in das von dem österreichischen Biologen Konrad Lorenz (1903-1989) in den 1940er Jahren beobachtete und von ihm so benannte „Kindchenschema“ (S. 10-11).

03. Maskottchen-Hund einer Mietwagenfirma
Biologische Prozesse
Dales Ausgangsbasis für die Beschäftigung mit den biologischen Grundlagen ist die Frage, warum Personen, Tiere oder Objekte über Jahrhunderte und über Kulturen hinweg als niedlich betrachtet wurden und werden (S. 24). Er stellt dabei zwei Prozesse vor, die eine als niedlich empfundene Reaktion hervorrufen: Domestizierung und Neotenie.
Bei allen Tieren, die domestiziert werden, zeigen sich identische genetische Veränderungen: Die Farbe ihres Fells wandelt sich, sie haben kleinere Zähne, eine kürzere Schnauze, kleinere und breitere Köpfe, kleinere Ohren und einen geringelten Schwanz. Außerdem ändert sich ihr Verhalten: Sie zeigen länger jugendliches Verhalten, werden hörig und fügsam (S. 42). Sie zeichnen sich durch ein geringeres Stresslevel (weniger Adrenalin) aus, haben dafür mehr Serotonin im Blut (S. 48).
Dale spricht von einer komplett anderen „Software“, denn domestizierte Tiere haben nicht nur ein von ihren wilden Verwandten abweichendes Äußeres, sondern verhalten sich auch anders und interagieren mit Menschen in spezieller Weise (S. 52-53).
Neotenie (oder Jugendlichkeit) ist ein evolutionärer Prozess, bei dem ein Organismus juvenile (jugendliche, unreife) Merkmale bis ins Erwachsenenalter beibehält. Die körperliche Entwicklung ist verlangsamt, während die Geschlechtsreife normal eintritt. In der Evolutionsbiologie gilt der Mensch als stark neoten. Dies bedeutet: Beim menschlichen Körper erhalten sich Merkmale bis ins Erwachsenenalter, die bei Vorfahren oder verwandten Arten nur in der Jugend vorkommen.

04. Manga-Figuren mit Charakteristika der Niedlichkeit auf einer Wand in Málaga, Spanien.
Auf der Schulter von Tonari no Totoro steht der Roboterjunge Astroboy (Tetsuwan Atomu), eine Figur von Tezuka Osamu (1928-1989).
Dale beschreibt Astroboy als einen Superhelden, dessen Kräfte durch seine jugendliche Unschuld gezähmt werden, er wird für immer ein Junge bleiben (S. 106-107).
Zugleich fragt Dale nach dem Sinn dieser Entwicklungen: Das niedliche Äußere macht in Verbindung mit bestimmten Verhaltensweisen den Umgang mit anderen Lebewesen leichter. Quasi als Türöffner zum Gegenüber fördert es den Austausch zwischen Individuen, manchmal sogar über die Grenzen der eigenen Spezies hinweg, wie zwischen Hund und Mensch.
Niedlichkeit in der japanischen Kultur
Das Konzept von Niedlichkeit und seine künstlerische Umsetzung reichen bis in die Hofkultur der Heian-Zeit zurück (794-1185, siehe den Beitrag über den Alltag des Prinzen Genji). Im Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shōnagon findet sich eine Aufzählung von „schönen Dingen“ (utsukushiki mono). Die von ihr beschriebenen Momente lösen laut Dale genau dieses Gefühl der Zuneigung aus, welches der Anblick von Menschen, Tieren und Objekten hervorruft, die heute als „kawaii“ gelten. Dazu gehört zum Beispiel ein auf eine Melone gezeichnetes Kindergesicht. Mit ihrer Auflistung schuf Sei Shōnagon laut Dale eine neue Ästhetik „by providing guidelines on what types of objects and interactions may trigger the feeling of cuteness” („indem sie Richtlinien dafür bereitstellte, welche Art von Objekten und Interaktionen das Gefühl der Niedlichkeit auslösen können“). Auf diese Weise verlieh Sei Shōnagon dem biologischen Phänomen eine kulturelle Stimme (S. 19-22).
Dale macht drei künstlerische Werte der Niedlichkeit bei Sei Shōnagon aus:
- erstens die geringe Größe eines Menschen / eines Tieres / eines Objekts
- zweitens der vorübergehende Charakter der Eigenschaften (der mit dem Wachstum verschwindet)
- drittens ihr unterhaltsamer, entzückender, angenehmer („delightful“) Charakter (S. 24-25).

05. Generell eignet sich eine sparsame Strichführung dazu, die wichtigsten Charakteristika des Dargestellten zu betonen, Tiere und Objekte zu vermenschlichen bzw. zu verniedlichen.
Maruyama Ōkyo (1733-1795) nutzte in „Welpen“ (1790) die traditionelle Technik der Reduktion, um die wichtigsten Merkmale der Tiere darzustellen (S. 79). Nicht nur das Äußere, sondern auch die Körperhaltung der jungen Hunde zeigen Nähe und Verspieltheit und wirken niedlich.
Vor allem bei Künstlern der Edo-Zeit lässt sich eine Fülle an Beispielen für Niedlichkeit finden (S. 76-82). Dale weist darauf hin, dass in Japan über Jahrhunderte hinweg Frieden herrschte und die Edo-Zeit über lange Phasen eine Epoche war, in der man sich dem Spiel und dem Niedlichen hingeben konnte. Beispiele sind tierliebende Künstler wie Nagasawa Rosetsu, Maruyama Ōkyo oder Utagawa Kuniyoshi (1798-1861).

06. Portrait einer Frau mit Katze von Utagawa Kuniyoshi (1798-1861)
Im Gegensatz dazu: Europa
In Europa entwickelte sich die Darstellung von Niedlichem etwas verzögerter. Dale sieht hierfür vor allem zwei wichtige Faktoren:
- das Verhältnis von Religion und Spiel bzw. Spaß in der jeweiligen Kultur
In Japan herrschte traditionellerweise der Gedanke vor, die Kami (Gottheiten) mit Theater, Musik, Tanz und Spiel zu unterhalten, um ihnen über Freude und Lachen näher zu kommen. Im Gegensatz dazu sah man Spiel und Spaß aus christlicher Sicht als eine Ablenkung von Gott. Kunst sollte in Europa eher ernsthafte, religiöse Themen behandeln (S. 26-27).
07. Im Mittelalter war der Liebesgott Amor (oder Cupido) eher mit negativen Attributen ausgestattet. Mit der Wiederentdeckung antiker Ideen in der Renaissance erlebte die Figur nach und nach einen Bedeutungswandel. Die Abbildung zeigt den lächelnden Jüngling mit Flügeln Amor-Atys, eine etwa ein Meter hohe Bronzestatue des italienischen Renaissance-Künstlers Donatello, die um 1440 entstand.


08. Die beiden Engel am unteren Bildrand der Sixtinischen Madonna von Raphael, entstanden 1512-1513.
Der Blick der Engel geht nach oben zur Figur der Heiligen Barbara am Bildrand. Die beiden gehören wie Amor der himmlischen Sphäre an, sie zeigen also noch keine realen Kinder (S. 57).
Besonders in der späteren Kunstepoche des verspielten Rokoko (ca. 1730-1780) wurden Amoretten (kleine Liebesgötter) und Putten als Bildsujets beliebt (S. 56-57).
- die Wahrnehmung von Kindheit in der jeweiligen Kultur
Dale nähert sich diesem Thema, indem er die Darstellung von Kinderfiguren in der europäischen Kunst nachvollzieht. Über viele Jahrhunderte hinweg wurden keine realen Kinder gemalt: „Why had it taken them so long to recognise cuteness in real children?” („Warum hatten sie [die Künstler] so lange gebraucht, um Niedlichkeit bei echten Kindern zu erkennen?“, S. 57). Eine Antwort findet er in der Sozialgeschichte der Kindheit: Lange wurden Kinder als defizitäre Erwachsene wahrgenommen (S. 59). Das Konzept der Kindheit als eigenständige Phase im Menschenleben kam erst in der Epoche der Aufklärung auf (etwa 1650-1800). Mit dem Rückgang der Kindersterblichkeit und mit der zunehmenden Bedeutung, die man der (Aus)Bildung zuerkannte, wurden Kinder neu wahrgenommen (S. 62). Entsprechend wandelte sich auch die Darstellung von mit niedlichen Merkmalen ausgestatteten Figuren.

09. Das Gemälde „The Blue Boy“ (etwa 1770) von Thomas Gainsborough (1727-1788) ist das berühmteste Bild seiner Zeit, das einen Jugendlichen darstellt. Von ihm wurden viele Kopien und Reproduktionen angefertigt. Dale sieht in der Figur den Kopf eines Jungen auf dem Körper eines erwachsenen Mannes. Was dem Portrait außerdem gänzlich fehlt, ist das Gefühl der Wärme und Nähe, das heute mit Niedlichkeit verknüpft wird (S. 63).

10. Im Gegensatz dazu: „Master Crewe als Heinrich VIII“ (1775) von Joshua Reynolds (1723-1792). Der Junge sieht weitaus kindlicher aus, ein zusätzliches Element im Bild sind die zu seinen Füßen spielenden Welpen (S. 66).
Vor allem in der Zeit der Romantik (etwa 1795-1835) wurden die Kinderportraits lebendiger.
In den USA
Einen weiteren historischen Faden des Niedlichen nimmt Dale in den USA auf, und zwar die Geschichte des Zirkusunternehmers Phineas Taylor Barnum (1810-1891). Barnum organisierte Kuriositätenkabinette, einen Wanderzirkus und Shows. Er stellte ein skurriles Mischmasch an Außergewöhnlichem zur Schau, darunter auch Menschen, deren Körperbau und Aussehen nicht den Normen entsprachen. Mithilfe einer außergewöhnlichen Marketingstrategien und grellen Inszenierungen lockten seine Shows Massen an Besucherinnen und Besucher an.

11. Die medial inszenierte Hochzeit von Charles Sherwood Stratton (Künstlername „General Tom Thumb“) mit Lavinia Warren, 1863. Sie erlangten durch die Shows von Barnum große Berühmtheit.
Vor allem in Barnums Baby Shows sieht Dale einen Ausdruck einer neuen Konsumkultur und einen Meilenstein in der US-amerikanischen Entwicklung der Niedlichkeitskultur: „‚cute‘ changed from ‚clever‘ to ‚adorable‘“ ([die Bedeutung von] „cute“ änderte sich von „klug / schlau“ zu „reizend / entzückend“, S. 69).

12. Zur selben Zeit war eine Theaterform beliebt, die sich im frühen 19. Jahrhundert entwickelt hatte: Minstrel Shows. Meist weiße Darsteller schwärzten sich ihre Gesichter, um Stereotypen über Afroamerikaner slapstickartig darzustellen. Frühe Zeichentrick-Figuren wie Mickey Mouse, Bugs Bunny und Felix the Cat waren von Aufführungen dieser Shows beeinflusst (S. 121). – Hier ein Screenshot aus dem Kurzfilm „Steamboat Willie“ (1928) mit einer frühen Version der Figur Mickey Mouse.
Die Tendenz: Immer niedlichere Figuren
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in den USA und in Europa Spielfiguren produziert, die dem von Konrad Lorenz beschriebenen Schema entsprachen. Anhand der Entwicklung von Kopfform und Körperproportionen wird laut Dale deutlich, wie Figuren über die folgenden Jahrzehnte regelmäßig ein neues Design erhielten, um immer niedlicher zu wirken.

13. Nachbildung des ersten beweglichen Steiff-Bärs von 1902 im firmeneigenen Museum

14. Steiff-Werbung von 1913
Aber nicht allein das Äußere entscheidet über die niedliche Wirkung. Auch ein bestimmtes Verhalten ist notwendig, um niedlich zu wirken (S. 12). Am Beispiel der Figur Mickey Mouse zeigt Dale, wie sie sich vom frechen Trickster zur smarten Heldenfigur entwickelte (S. 100). Ein Paradoxon: Die Figur wurde äußerlich immer mehr zum Kleinkind, im Verhalten dagegen vernünftig und freundlich, offen für immer neue Abenteuer und Entdeckungen (S. 101-105, 184).
Die neue Sicht auf Kinder
Nachdem Kinder einen neuen Stellenwert erlangt hatten, wurde mit ihren Abbildern geworben, sie tauchten in Comics und Gagstrips auf (New Kid-Style, S. 123-124).

15. Werbung für Uneeda Biscuit, 1904. Der Junge in dem Regenmantel wirkt niedlich und verkörpert zugleich die Grundidee der Hersteller, die Kekse in einer speziellen Verpackung zu verkaufen, die vor Feuchtigkeit schützte und die Kekse länger knusprig hielten.

16. Postkarte mit einer Kewpie-Puppe zur Unterstützung der Bewegung für Frauenwahlrecht, 1914 (S. 124-127)

17. Der Inbegriff von Niedlichkeit: Der Kinderstar Shirley Temple, 1937
Exotismen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts
Niedlichkeit einer ganz neuen Form tauchte mit den Weltausstellungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa auf. Vor allem – aber nicht nur – männliche Autoren nutzten bei der Beschreibung von Gegenständen und auch von Frauen aus Japan Verniedlichungsformen in überbordendem Maße (Dale: „a confetti shower of diminutives“, „ein Konfetti-Regen an Verkleinerungsformen“, S. 85-86). Dale führt an, dass allein in dem kurzen Werk „Madame Chrysanthème“ des Marineoffiziers und Schriftstellers Pierre Loti (1850-1923) das Wort „petit“ („klein“) 357-mal auftaucht (S. 86, siehe auch die Empfehlung „Europa im Farbenrausch“ und den Beitrag über das Erbe der Familie Ephrussi). „The idea that Japan was a paradise for children morphed into the idea that all Japanese people – including adults – were childlike.” („Die Vorstellung, Japan sei ein Paradies für Kinder, wandelte sich zu der Vorstellung, alle Japanerinnen und Japaner – einschließlich der Erwachsenen – seien kindlich“, S. 88).
Romantische Erzählungen
Entscheidend für die Herausbildung der aktuellen Ästhetik von Niedlichkeit in Japan kam laut Dale allerdings erst mit der Industrialisierung. Die breite Ausbildung junger Menschen, in Japan besonders der Mädchen und jungen Frauen, förderte die Entstehung einer neuen Jugendkultur und einer speziellen Ästhetik.
Den Mädchen und jungen Frauen eröffneten sich neue Wege, und laut Dale hatten sie nun freie Zeit, sich in andere Rollen und in eine bessere Zukunft hineinzuträumen. Neue Genres wie illustrierte Zeitschriften und Romane speziell für Mädchen und junge Frauen (shōjo, S. 89) spiegeln diese neuen Sehnsüchte.
Von Anfang an dienten die Veröffentlichungen auch zur Vermarktung von Produkten, so dass die Mädchen und jungen Frauen nicht nur die Geschichten lasen und die Bilder betrachteten, sondern sich selbst entsprechend ausstaffieren und im dargestellten Stil einkleiden konnten. Die Autor/innen und Illustrator/innen gaben nicht nur Trends wider, sondern schufen sie auch (S. 92).

18. Yoshiya Nobuko (1896-1973) veröffentlichte während der 1910er und 1920er Jahre. Sie wurde vor allem durch romantische Erzählungen über junge Frauen bekannt und war in ihrem Genre kommerziell ausgesprochen erfolgreich.

19. Nakahara Jun’ichi (1913-1983) wurde in den 1920er Jahren mit seinen Grafiken in der Zeitschrift „Shōjo no tomo“ berühmt.
Die Hauptfiguren sind Mädchen und Frauen mit großen, runden Augen, schlanken Körpern und grazilen Händen. Ihre große Kopfform wird noch durch ausladende Frisuren oder Hüte unterstrichen. Sie tragen entweder einen Yukata in auffälligen Farben oder die neuste Mode aus Europa.
Besonders die großen Augen wurden später zum Markenzeichen für die Figuren in Mädchen-Manga. Sie spiegeln die komplexe innere Gefühlslage der Figuren wider. Zu den international am erfolgreichsten Serien zählt „Sailer Moon“, deren Hauptdarstellerinnen „action and innocence“ („Action und Unschuld“) verbinden (S. 163).

20. „Jagd auf Glühwürmchen“ („Hotari gari“, 1926) des Illustrators Sudō Shigeru (1898-1946) ist ein Beispiel für das literarische Genre, das „S-Beziehung“ (S-kankei) genannt wird. Die Werke stellen die engen Bande zwischen Schülerinnen dar. Der Begriff leitet sich vom Anfangsbuchstaben des Wortes „Sister“ ab. Der „blumige“ Stil ist voller Sinneseindrücke, über weite Strecken verträumt oder wehmütig (S. 90).

21. Titelbild von „Fujin Graph“, Frühling 1926, des Malers und Poeten Takehisa Yumeji (1884-1934)
Die Merkmale dieser in Japan geprägten Niedlichkeit – verkörpert in der Lolita-Mode, tausendfach auf die Bühne gebracht von Idol-Gruppen – sind inzwischen zur internationalen Ästhetik besonders der Jugendkultur geworden. Gedeutet werden sie als Widerstand oder zumindest Abgrenzung gegen die Werte der Erwachsenenwelt, als Verweigerung einer erwachsenen Reife (S. 153). Zugleich bedienen sich ihrer viele zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.
22. Bus in der Heimatstadt des Illustrators Naitō Rune (1932-2007), Okazaki

Der Band ist lesenswert, denn …
… Dale knüpft an wichtige Theoretiker an.
Beispiele sind der Künstler und Kunsttheoretiker Murakami Takashi, der Gesellschafts- und Medientheoretiker Ōtsuka Eiji, der Kulturtheoretiker Yomota Inuhiko oder der Psychologe Nittono Hiroshi (S. 5, 6, 13).
Dale hat dabei eine bestimmte Vorgehensweise: Er beschreibt seinen Weg des Erkenntnisgewinns, indem er von einer Fragestellung ausgeht, Ideen einer Forscherin / eines Forschers zum Thema zitiert, diese mit eigenen Überlegungen und Vermutungen verbindet. So kommt er zunächst einmal zu einer sehr plausiblen Erklärung für ein Phänomen. Danach beschreibt er seine Einwände und Bedenken und führt die Überlegungen weiter: „But as I dug deeper …“ („Doch als ich tiefer grub …“, S. 36). Da Dale also seine Ergebnisse nicht vom Endpunkt seiner Überlegungen aus beschreibt, haben die Leserinnen und Leser den Eindruck, einem schrittweisen Erkenntnisgewinn beizuwohnen.
Dazu gehören auch mehrere Selbstversuche. Dale beschreibt seine Eindrücke beim Zusammensein mit gezähmten Füchsen (S. 50-54), in einem Manga-Museum (S. 160), selbst seine körperlichen Empfindungen in einem Fursuit, einem flauschigen Kostüm mit einem Kopf, das allen Aspekten der Niedlichkeit entspricht (S. 189-191).

23. Gruppenfoto bei einer Fursuit-Parade, 2007
… Dale behandelt das Phänomen des Niedlichen über die Zeit- und Ländergrenzen hinweg.
Dale spannt einen weiten Bogen. Auf seine Reise durch verschiedene Weltregionen bettet er das Phänomen in den jeweiligen kulturellen Kontext ein und lässt viel Wissen über die zeitgenössischen Hintergründe in seine Darstellung einfließen. Beispiele sind Informationen zur Kultur der Heian-Zeit oder über die Rolle von Füchsen in der japanischen Mythologie (S. 36-37). In den Kapiteln zur Entwicklung in den USA geht er ausführlich auf die sozialen Bedingungen und die gesellschaftliche Spaltung ein, gibt Hintergründe zu Ernährung und Schulbildung (S. 123).
…er bindet biologische Ergebnisse in die Darstellung mit ein.
„Irresistible“ ist ein überraschend biologisches Buch. Die Kapitel behandeln im Wechsel biologische und kulturelle Themen und ergänzen sich dabei gegenseitig, etwa bei Themen wie Auswirkungen von Änderungen im Hormonhaushalt auf das Verhalten (Serotonin, S. 111-112), Sozialisationsfenster (S. 134) oder Bedingungen für die Domestizierung von Tieren (S. 144). Dale zitiert aus Interviews mit Fachleuten, die auf dem Gebiet der Genetik, Verhaltensbiologie, der Neurowissenschaften und der biologischen Anthropologie aktiv sind.
… Dale öffnet die Augen gegenüber dem scheinbar so Harmlosen.
Abschließend schildert Dale seine Beobachtung, wie das Phänomen der Niedlichkeit inzwischen auch die Erwachsenenwelt in Europa und den USA erfasst (S. 185). Er weist auf Möglichkeiten des technischen Einsatzes wie etwa bei Roboter-Tieren hin (S. 195).
Gerade die Haupteigenschaft des Niedlichen als verbindende Kraft birgt aber auch Gefahren: Einige Geräte führen inzwischen alle eingehenden Daten auf einer Cloud zusammen, was die Möglichkeit der Überwachung und Kontrolle mit sich bringt (S. 197-199).
Dies macht „Irresistible“ so spannend: Dale gibt Antworten auf die Fragen, welche inneren Mechanismen beim Anblick niedlicher Figuren greifen und vor allem: welche Gefahren eine kommerzielle Nutzung mit sich bringen kann. Nach dem Buch stellt sich das in einer Buchbesprechung beschriebene Gefühl ein: „You’ll never look at a Hello Kitty or a Pokémon the same way again“ (Zitat aus „Mail on the Sunday“, wiedergegeben auf der Titelseite des Buches) – und wirklich, nach der Lektüre des Buches betrachtet man die Figuren mit anderen Augen.

24. Baustellen-Absperrung an einer Straße in Tōkyō
Susanne Phillipps
21.06.2026 (Ausgabe 23)
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16: Von Campbell Art Co, “after Rose O’Neill” – Flickr, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28207424
17: Von Los Angeles Times – https://digital.library.ucla.edu/catalog/ark:/21198/zz0002vgkx, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=125226366
18: By Kamakura Museum of Literature archives, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1604879
19: By 朝日新聞社 – 『アサヒグラフ』 1949年2月2日号, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35350909
20: Autorstwa Shigeru Sudō (1898-1946) – https://600dpi.net/sudo-shigeru-0001381/, Domena publiczna, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=115292018
21: Von Takehisa Yumeji – 「大正ロマン・昭和モダン 大衆芸術の時代展~竹久夢二から中原淳一まで~」茨城県天心記念五浦美術館、2009年, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64748001
22: By Evelyn-rose – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94691579
23: Von Laurence “GreenReaper” Parry – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1639652
24: Von Susanne Phillipps – Eigenes Werk
