Leben in einer offiziell geteilten Gesellschaft

Charles J. Dunn (1969). Everyday Life in Traditional Japan. Tōkyō: Tuttle, broschiert, 198 Seiten.
Der Band gehört zu den Klassikern, die seit vielen Jahrzehnten in den Regalen der Abteilung für englischsprachige Bücher der großen Buchhandlungen von Tōkyō steht. Obwohl das Taschenbuch inzwischen selbst schon Teil der (Wissenschafts)Geschichte wurde, ist es nach wie vor etwas Besonderes: In Form einer kurzen Einführung stellt der Autor die bis ins Detail regulierte Gesellschaft der Edo-Zeit (1600-1868) durch konkrete Beispiele sehr anschaulich dar.
Die Gesellschaft war damals – mit dem „traditionellen“ Japan im Titel ist das Japan der Edo-Zeit gemeint – in absteigender Folge offiziell in die vier Klassen der Samurai, Bauern, Handwerker und Kaufleute geteilt, und dieses System war ein zentrales Mittel zur Machterhaltung der Militärregierung des Shōgun (S. 11).
Der Band verdeutlicht, was es bedeutet, in einer durch strenge Vorschriften geteilten Gesellschaft zu leben: wie sich nicht nur berufliche Tätigkeiten, sondern auch Wohnorte, Freizeitbeschäftigungen, Nahrung und Kleidung voneinander unterschieden und Menschen sofort als Teil einer bestimmten Klasse zu erkennen waren.
Über den Autor
Charles J. Dunn (1915-1995) war ein britischer Japanologe. Er war Dozent an der School of Oriental and African Studies (SOAS University of London), forschte zu Kabuki-Theater und zum Bunraku-Puppenspiel und engagierte sich für die Etablierung des Fachs Japanologie in Großbritannien.
Über den Band
Der Band enthält ein Vorwort (zwei Seiten), acht Hauptkapitel und einen Anhang mit Leseempfehlungen (1 Seite) und einem Index (7 Seiten).
Übersicht über die acht Kapitel
- A country in isolation (S. 1-12)
allgemeine Landeskunde: Klima, Geografie, Bevölkerung, Sprache, geschichtliche Hinführung zur Edo-Zeit: Ende der Bürgerkriege zu Beginn des 17. Jahrhunderts, Aufbau der neuen Regierung.
- The Samurai (S. 13-49)
verschiedene Privilegien, zum Beispiel Führen von Familiennamen, Tragen von Schwertern; Reiszuteilung entsprechend dem Rang; herrenlose Samurai.
- The Farmers (S. 50-83)
Getreide-, Gemüse- und Obstanbau im Laufe der Jahreszeiten; Reisanbau: Anzucht, Aussaat und Ernte; Anbau von speziellen Pflanzen in bestimmten Regionen, zum Beispiel Indigo als Färbemittel oder Hanf als Kleiderstoff.
- The Craftsmen (S. 84-96)
Unterscheidung der Handwerker nach Arbeitsplatz (in einer festen Werkstatt oder umherwandernd wie z.B. Drechsler, die Utensilien für den Haushalt herstellten); Schmiede mit fast heiligem Charakter beim Falten von Schwertklingen; lange Ausbildungszeiten in speziellem Lehrer-Schüler-Verhältnis; fünf Gewerke des Baugewerbes; Privilegien für berühmte Kunsthandwerker und Künstler.
- The Merchants (S. 97-121)
Münzgeld in verschiedenen Metallen (Gold, Silber, Kupfer, Eisen); einträgliches Geschäft der Geldwechsler und Pfandleiher; Kontrollen der Regierung; Maßnahmen gegen Einbruch und Feuer; Erfolgsgeschichte einzelner Kaufmannsfamilien; Rolle der Kaufleute im Steuersystem.
- Courtiers, Priests, Doctors and Intellectuals (S. 122-136)
Menschen, die über dem Klassensystem standen; Beschäftigungen der Angehörigen des Hofes in Kyōto; Funktionsweise von Tempeln und Schreinen; damaliges medizinisches Wissen.
- Actors and Outcasts (S. 137-145)
Menschen, die unterhalb des Klassensystems standen: Schauspieler, Kurtisanen und Ausgestoßene (eta und hinin); Familien mit geächteten Berufen; Gründe für die Unmöglichkeit des sozialen Aufstiegs; mögliche Karrierewege von Schauspielern.
- Everyday Life in Edo (S. 146-190)
Wahrnehmung der Zeit: Einteilung der Tage, Wochen, Monate und Jahre über Kalender; Tagesablauf; Jahresablauf; Wohnumgebung, Festlichkeiten, Kleidung, Körperpflege, (ungewollte) Schwangerschaft, Geburt, Zählweise des Alters, Heranwachsen von Kindern, Umgang mit Tieren, Heirat und Scheidung, Besuch im Vergnügungsviertel Yoshiwara.


01.-02. Zu den Freuden im Frühling gehörten die Blütenfeste. Hier bei Kirschblütenfesten in Asuka-yama und Goten-yama.
Abbildungen
Der Band enthält 103 Abbildungen, d.h. im Schnitt auf jeder Doppelseite mindestens eine. Darunter sind einige Landkarten und Schwarzweiß-Fotografien, vor allem aber Zeichnungen von Laurence Broderick, die in Stil und Inhalt an Blockdrucke der Zeit angelehnt sind.
Die Abbildungen sind vergleichsweise klein, für das Verständnis des im Text Beschriebenen aber sehr hilfreich. So zeigt eine Abbildung, wie Reis gehechelt wurde (wie die Reiskörner von den Ähren gestreift wurden, S. 57), andere Zeichnungen veranschaulichen Arbeitsschritte mit hölzernen Maschinen (S. 127) oder die Inneneinrichtung von Läden (S. 128). In ausführlichen Bildunterschriften weist der Autor auf Details im Bild hin.

03. Suzaki, Sonnenaufgang am Neujahrstag
Anmerkung:
Alle Abbildungen dieser Empfehlung stammen aus den beiden Sammlungen „Berühmte Ansichten von Edo“ („Edo meisho“) und „Berühmte Ansichten von der östlichen Hauptstadt“ („Tōto meisho“) von Utagawa Hiroshige (1797-1858). Aus diesen beiden Sammlungen habe ich Motive ausgewählt, in denen nicht nur Landschaften und Gebäude, sondern auch Personen eine wichtige Rolle spielen.
Die vier Gesellschaftsklassen
Nach einer allgemeinen Einführung behandelt Charles Dunn nacheinander die vier offiziellen Stände. Neben einer generellen Charakterisierung ihrer Lebenswelten ist es ihm wichtig darzulegen, wie die verschiedenen Klassen zueinanderstanden: über das Zahlungsmittel Reis, dem fundamentalen Pfeiler der damaligen Wirtschaft.
Die Bauern wurden nach der von ihnen bewirtschafteten Fläche besteuert, wobei die festgelegten Abgaben an Reis auch bei Missernten einzuhalten waren. Wenn sie Kredite für neues Saatgut aufnehmen mussten, gerieten viele Bauern in so große finanzielle Not, dass sie sich sogar dazu gezwungen sahen, ihre Töchter in die Freudenviertel zu verkaufen. Immer wieder gab es friedliche Proteste, aber auch gewaltsame Aufstände, bei denen die Bauern mit nichts anderem als mit ihren Holzwerkzeugen Kaufleute, Steuereintreiber und sogar bewaffnete Truppen angriffen (S. 75-77).
Obwohl die gesamte Wirtschaft von ihnen abhing, wurden die Bauern von den Samurai verachtet, von den Menschen in den Städten als grob und ungehobelt, als „Menschen ohne Sinn und Voraussicht“ betrachtet (S. 64, 78).
Beim Eintreiben der Steuern, beim Transport und bei der Verteilung spielten die Kaufleute eine immer größere Rolle. Zudem wuchs ihre Bedeutung als Kreditgeber. Einige ausgesuchte Familien agierten landesweit und hatten die Funktion heutiger Banken (S. 108).
Der Reis wurde den Kriegerfamilien nach einem festen System zugeteilt (S. 15). Diese Verteilung war nicht an bestimmte Aufgaben gebunden, sondern an den Rang einer Familie, und wurde an den ältesten Sohn vererbt. Das Verteilersystem spiegelte die Hierarchie innerhalb der Kriegerkaste: An der Spitze der Pyramide stand der Shōgun, unter ihm seine Vasallen, darunter die Herrschenden über die Provinzen (Daimyō, Territorialfürsten) und deren Untergebene (S. 13).
Aus Dunns Beschreibungen geht deutlich hervor, dass nicht nur die vier Klassen hierarchisch angeordnet waren, sondern dass auch innerhalb eines jeden Standes die Beziehungen der Menschen untereinander in Abstufungen als über- und untergeordnet wahrgenommen wurden. Dorfgemeinschaften auf dem Land, Nachbarschaften in den Städten waren in Gruppen organisiert, vertreten nach oben durch Sprecher. Die Gruppen wurden gemeinsam besteuert, gemeinsam bestraft. Jeder Mensch hatte – zumindest theoretisch – eine feste Position in einem komplexen Gefüge, das über gegenseitige Verbindungen, die Beziehungen untereinander, genau definiert war (S. 72).

04. Takanawa im Herbst
Infrastruktur, Vorschriften und Verwaltung
Um die Verordnungen aufrechtzuerhalten, brauchte es einen funktionierenden Staatsapparat. In seiner Darstellung kombiniert Charles Dunn allgemeine Überlegungen mit Beispielen für konkrete Umsetzungen. So etwa bei den Überlandstraßen: In einer sozial strikt definierten Gesellschaft ist Mobilität nur in gewissem Maße erwünscht. Die Straßen sollten einerseits ein schnelles Vorankommen für Staatsdiener garantieren, zugleich aber die freie Beweglichkeit einschränken. Die Lösung bestand in Straßen, die zwar in gutem Zustand gehalten wurden, die allerdings mit Kontrollpunkten versehen waren. Verkehr auf Rädern war verboten. Expressboten hatten ein System von Staffeln und erhielten spezielle Abzeichen und Passierscheine (S. 25-26, 113).


05.-06. Brücken waren ein wichtiger Teil der Infrastruktur, hier: Nihonbashi und Eitaibashi (Fukagawa).
Ein anderer Bereich betrifft die Ausbildungsmöglichkeiten: Gemäß ihren Berufen sollten die Menschen über ein bestimmtes Wissen verfügen. Der (in vielen Fällen private) Unterricht war entsprechend der Stände getrennt und sollte selbstverständlich nicht dem gesellschaftlichen Aufstieg der Kinder dienen, sondern garantieren, dass die Nachkommen die Stellung der Familie wahren, das Gewerbe fortsetzen und den Platz der Eltern einnehmen konnten (S. 171).
Dunn beschreibt den Aufbau der Verwaltungen in der Hauptstadt Edo und in den Provinzen. Eine Doppelbesetzung von Posten sollte verhindern, dass eine Person in einer bestimmten Funktion zu einflussreich, zu mächtig werden konnte (S. 28). Er stellt die Ränge der Polizeibeamten und ihre jeweiligen Aufgaben vor. Für Ruhe und Ordnung sorgten Polizeieinheiten (dōshin), die – vergleichbar mit Streifenpolizisten – ausgerüstet mit Stöcken, Metallketten und Handschellen in den Straßen von Edo auf Patrouille gingen (S. 29-32).
Die Stellung der Frauen
Eine Heirat war meist keine Angelegenheit zweier Personen, sondern eine Verbindung zweier Familien von gleichem Status. Meist erlebte die Schwiegertochter, die in das Haus des Mannes übersiedelte, im neuen Haushalt erheblichen Druck. Dunn vergleicht ihre Stellung eher mit einer Hausangestellten, die nicht nur ihrem Ehemann, sondern auch ihrer Schwiegermutter zu Diensten zu sein hatte und auf die Zeit hoffte, selbst Schwiegermutter zu werden (S. 71, siehe auch den Beitrag zu Katō Shizue).
Dunn beschreibt auch hier anschaulich den Alltag: Die Plätze rund um die Feuerstelle in einem Bauernhaus waren entsprechend der Hierarchie vorgegeben, Töchter und Schwiegertöchter der Familie hatten gar keinen festen Platz, sondern nahmen kleine Bissen beim Bedienen während der Mahlzeit oder beim Verrichten anderer Arbeiten zu sich (S. 69). In Familien, in denen die Frauen wichtige Funktionen innehatten, weil sie zum Beispiel für die Führung eines Geschäfts mitverantwortlich waren, sah ihre Situation weitaus besser aus (S. 172).
An den Rändern des Ständesystems
Sehr eindrucksvoll ist Dunns Skizzierung der Welten außerhalb der vier Stände. Hier scheint wenig geordnet: Auf Geländen von Tempeln und Schreinen wurden Bühnen aufgebaut und wandernde Schauspieler untergebracht. Dunn erwähnt das versteckte Privatleben von buddhistischen Priestern und die Aktivitäten von Menschen im Umfeld des Buddhismus wie etwa reisende Nonnen, die tanzten und predigten und deren Aktivitäten sich mit denen von Straßenkünstlerinnen und Bettlerinnen überschnitten (S. 132). Überall in dieser Sphäre außerhalb der geordneten Welt gab es fließende Übergänge, so auch zwischen Theaterwelt und Prostitution (S. 142, 182).

07. Sakai-chō, Theater am Eröffnungstag der neuen Saison

08. Vergnügungsviertel Shin-Yoshiwara, an der Weide, an der man sich umdreht und zurückschaut (mikaeri yanagi)
Ventile
Aber auch die große Mehrheit der Menschen, die durch das Ständesystem erfasst wurden, brauchte Gelegenheiten, dem System auf Zeit zu entfliehen. Große Feiern wie etwa Sommerfeste (matsuri) dienten als Ventile für den stets reglementierten Alltag (S. 80).
Das größte Ereignis im Leben war eine Pilgerfahrt nach Ise. Dabei stand nicht das Gebet, sondern die Unterhaltung im Mittelpunkt. Tee-Häuser, Imbisse, Souvenirshops und Bordelle säumten die Ränder der Hauptrouten. Die Bauern zahlten in eine Lotterie ein, die jedes Jahr einer ausgewählten Zahl von Dorfbewohnern per Los die Möglichkeit zur Pilgerreise gab (S. 80-81).


09.-10. Schrein-Besuche in Ueno und Fukagawa.
Herausforderungen
Für die Regierung stellte es von Anfang an eine Herausforderung dar, die Einhaltung der Vorschriften zu überwachen. Das Leben in den Burgstädten, allen voran Edo, prosperierte, und an den Skandalen, die schriftlich überliefert sind, wird laut Dunn deutlich, dass es selbstredend immer wieder Fälle gab, in denen Menschen die Gesetze missachteten. Dabei handelte es sich nicht nur um Aufsehen erregende Fälle, die die Massenmedien beherrschten und drakonische Strafen nach sich zogen. Kaum wahrnehmbar entvölkerten sich Dörfer, obwohl es den Bauern strikt verboten war, ihr Land zu verlassen. Trotzdem versuchten viele von ihnen, in den Städten Fuß zu fassen und dort Geld zu verdienen.
Ein besonderer Dorn im Auge der Herrschenden waren die Kaufleute, denn sie forderten das feudale Ständesystem als solches heraus. In der offiziellen Hierarchie ganz unten angesetzt und von politischen Entscheidungen ausgegrenzt, wurden sie mit der zunehmenden Geldwirtschaft immer reicher und mächtiger (S.97; zu den Vergnügungen der Menschen in den Großstädten siehe den Beitrag „Lifestyle in der Edo-Zeit).
Ganz oben standen zehn Familien, die die Rolle der verantwortlichen Aufsicht über die Wechsler ausübten und als Banken fungierten. Diese zehn Familien wurden Finanzagenten der zentralen Behörden und erwarben das Recht, Schwerter zu tragen. Reiche Kaufmannsfamilien gingen Freizeitbeschäftigungen der Samurai nach und wurden in deren Stand gehoben (S. 182). Auf der anderen Seite standen verarmte Samurai-Familien, die durch die Ausübung von Berufen, die ihnen erlaubt waren, für ihren Lebensunterhalt sorgen mussten.

11. Straße mit dem Geschäft von Mitsui, Suruga-chō
Der Band …
… ist inzwischen über 55 Jahre alt (Erstausgabe 1969). Natürlich ist dies an einigen Stellen an der Sprache abzulesen. Interessant ist, dass der dargestellte Inhalt nach wie vor Gültigkeit hat, die Bezüge zur damaligen Schreib-Gegenwart in den 1960er Jahren aber nicht mehr. Vor allem an den wenigen Bemerkungen zur damaligen Zeit wie zum System der lebenslangen Beschäftigung (S. 5) ist anzumerken, dass Charles Dunn den Text in der Mitte der 1960er Jahre verfasste, zur Zeit der Hochwachstumsphase in Japan. Auch an den wenigen Fotos ist zu erkennen, dass sich einiges verändert hat: Auf einem aktuellen Foto vom Gion-Fest in Kyōto wären viel mehr Touristen zu sehen (S. 7).
Von Bedeutung ist außerdem, dass dieser Band vor der Zeit entstand, in der die Beschäftigung mit der Edo-Zeit auf immer mehr Interesse stieß und sich zu einem wahren Boom entwickelte.
Trotzdem ist das Buch noch lesens- und betrachtenswert, denn …
… der Band stellt Informationen in kompakter Form bereit.
Das Taschenbuch bringt die Informationen gut gegliedert, kompakt und prägnant auf den Punkt. Zu jedem einzelnen Aspekt, der in dem Band angesprochen wird, gibt es inzwischen ausführliche Forschungsliteratur. Charles Dunn gelingt es, ein gesellschaftliches Panorama in knappen und präzisen Zusammenfassungen zu entwerfen. Dabei beschreibt er nicht nur die gesellschaftliche Situation der Zeit, sondern gibt an einigen Stellen auch Einblicke in die Hintergründe für bestimmte Entwicklungen. Wichtige Stichwörter werden genannt, wie die so genannten „Schwert-Jagden“ des Toyotomi Hideyoshi, im Zuge derer Bauern ihre Waffen abgeben mussten (S. 13-14).
Wichtig ist zu betonen, dass der Band sich auf die Beschreibung der Lebenswelten konzentriert und die theoretischen Grundlagen und Argumentationen für eine konfuzianisch in Klassen geordneten Gesellschaft außen vorlässt.
… die Beschreibungen sind äußerst anschaulich.
Dunn beschreibt die Vorgänge, zum Beispiel in der Landwirtschaft, Schritt für Schritt. Auch vorgegebene Handlungen, wie im Falle des Todes eines Familienangehörigen, schildert er genau, mit vorgeschriebenen Längen für Trauerzeiten je nach Nähe zur verstorbenen Person (S. 129-130).
Welche medizinischen Anwendungen gab es (S. 133-134)? Was wurde anstelle von Seife benutzt? (– Säckchen mit Reiskleie, S. 162). Wie wurden Insekten bekämpft? (– Mit Walöl und Essig, außerdem durch Gebete an Götter und die Besänftigung böser Geister, S. 57-58).
Es sind kleine Geschichten, die das Beschriebene so anschaulich machen, wie die Extravaganz eines Schauspielers, der einem Kollegen als Geschenk ein Fass mit Wasser vom Fluss Kamo per Express von Kyōto nach Edo schickte (S. 114).
Oder die Beschreibung eines Tages im Kabuki-Theater mit all der Zerstreuung und Ablenkung, die geboten wurde. Da war die Gefahr groß, dass die Schauspieler auf der Bühne die Aufmerksamkeit des Publikums verloren. Und so wurden Techniken eingeführt, die heute noch zur Aufführung kommen: „the use of stamping dances and wooden clappers to emphasis moments of high emotion helped to draw attention when it was most necessary“ – „Der Einsatz von Stampftänzen und hölzernen Stäben zur Betonung emotionaler Momente trug dazu bei, Aufmerksamkeit zu erregen, wenn es am nötigsten war“ (S. 187).

12. Sommerfreuden: Baden im Fluss, Oji.

13. Den Insekten lauschen (mushikiki), Dōkan-yama.
… die Quellen sind gut ausgewählt.
Die Anschaulichkeit beruht auf den Quellen, die Dunn benutzt. Er weist darauf hin, dass vor allem in der zweiten Hälfte der Edo-Zeit viel Lesestoff zu Verfügung stand, und schreibt: „almost every activity in the society of the time was covered by some instructional manual“ – „fast jede Aktivität in der damaligen Gesellschaft wurde durch ein Lehrhandbuch abgedeckt“ (S. 172). Dunn nähert sich der damaligen Gesellschaft nicht über Statistiken, sondern über die Alltagskultur, die in diesen Anleitungsbüchern beschrieben wird (siehe den Beitrag zu den Hausbüchern der Edo-Zeit). Zusätzlich zitiert er aus Kabuki- und Bunraku-Theaterstücken, Erzählungen (vor allem Ihara Saikaku, S. 63-64, 120-121) und Tagebuchaufzeichnungen (wie von Engelbert Kaempfer, S. 110-111).



14.-16. Tempelbesuche in Asakusa und Shiba.
… die Abbildungen veranschaulichen zusätzlich das im Text Beschriebene.
Im Text sind in Klammern Nummern eingefügt, die auf die entsprechenden Abbildungen verweisen. In den Abbildungsunterschriften werden die Bildinhalte genau erklärt, zum Beispiel: wer auf Straßenszenen zu sehen ist, was die dargestellten Personen tun, welchem Rang sie angehören, welche Gebäude zu sehen sind, welche Bedeutung die Schriftzeichen auf den Schildern haben.
… es führt vor Augen, was es bedeutet, in einem Ständesystem zu leben.
Dieses Buch verdeutlicht die konkreten Konsequenzen für ein Leben in einem Ständesystem: dass sich die Menschen einer Gesellschaft unterschiedlich verhalten, und zwar nicht wegen ihrer auseinandergehenden Interessen oder finanziellen Möglichkeiten, sondern aufgrund gesetzlicher Vorschriften.
Bauernfamilien war zum Beispiel verboten, ein Kabuki- oder Bunraku-Puppenspiel anzuschauen. Gründe gab es mehrere: Es sei reine Zeitverschwendung, denn sie könnten die Zeit dem Reisanbau widmen. Sie sollten außerdem keine luxuriösen Lebensbedingungen auf der Bühne sehen, weil dies ihren Wunsch nähren könnte, die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern. Die Vorschriften dienten dazu, die Trennung zwischen den Klassen aufrechtzuerhalten und keine aufrührerischen Gedanken aufkommen zu lassen (S. 83, 139).
Dies betraf nicht nur die Vergnügungen, sondern auch die Speisen oder die Stoffe, die für die Kleidung benutzt werden durften (S. 66, 151).
Das Faszinierende an der Edo-Zeit besteht für Dunn in der „Kombination aus Zwängen und Hemmungslosigkeit“ („the combination of restraint and abandon“, S. 190): in der Diskrepanz zwischen den überbordenden Vorschriften einerseits und der vielen Menschen, die doch Möglichkeiten fanden, ihrer (gewünschten) Wege zu gehen. Dunn vermutet, dass es in umfangreichem Rahmen zu Bestechungen kam und / oder die meisten Behörden einfach viel zu überlastet waren, um jeden Bereich des Lebens überwachen zu können (S. 190).
Susanne Phillipps
20.03.2026 (Ausgabe 22)
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Bildnachweis
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