Ein Blick hinter die Kulissen der Sumō-Welt – aus der Sicht eines erfolgreichen Yobidashi

Buch vor zwei Sumō-Ranglisten (banzuke)

Yamaki Hideo [Yamaki Hidehito] (2017). Discover Sumo. Stories from Yobidashi Hideo. Übersetzt von Clyde Newton. Mit Illustrationen von Ayamorikemuri. Tōkyō: Gendai Shokan Publishing. Original: Yobidashi Hideo no Sumō-banashi [2016]; Hardcover, 184 Seiten.

Der japanische Nationalsport Sumō ist eine spannende Mischung aus Hochleistungssport und Jahrhunderte alter Tradition. Die Geschichte des Ringkampfes reicht so weit zurück – er wird schon in den ersten Schriften des 8. Jahrhunderts erwähnt (S. 146) – dass er „kokugi“, „Nationalsport“, genannt wird. Zunächst war der Ringkampf eng mit den Riten des Kaiserhauses verbunden, in späteren Jahrhunderten finanzierten Samurai die Ringer, in der Edo-Zeit (1600-1868) wurde Sumō dann zur Unterhaltung der breiten Masse. Viele Farbholzschnitte der Epoche zeigen Ringer, von denen die erfolgreichsten als Berühmtheiten gefeiert wurden. Nach der Öffnung des Landes, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, erlebte der Sumō-Ringkampf erst einmal eine schwierige Zeit, erfuhr dann aber erneut Unterstützung durch die Tennō-Familie.

Das Buch, das ich hier empfehle, stammt von einem Mann hinter den Kulissen, der Jahrzehnte lang mit dafür sorgte, dass alle Veranstaltungen reibungslos über die Bühne gingen. Er arbeitete als Yobidashi, als „Ausrufer“, der bei einem Turnier vor jedem Kampf die Namen der Kontrahenten in einer speziellen Tonlage und einem besonderen Rhythmus vorträgt.

Das Buch ist keine Einführung in den Sumō-Sport, Techniken und Taktiken werden nicht erläutert. Yobidashi Hideo schildert stattdessen den Alltag aller Beteiligten, die Traditionen und Zeremonien der Sumō-Welt. Seine „Sumō-Erzählungen“, wie das Buch im Original heißt, bieten Einsichten hinter die Kulissen, jenseits der Zuschauerperspektive.

Tonfigur in Form eines beleibten, fast nackten Ringers

01. Tonfigur (haniwa) in Form eines Sumō-Ringers, Grabbeigabe, Kofun-Zeit (etwa 300 bis 592 n. Chr., siehe den Beitrag zur Archäologie)

02. Blockdruck für Sumō-Fans aus dem Jahr 1854

Portrait von neun Sumō-Ringern mit ihren Namen

Das Buch richtet sich an Fans, die den Sport regelmäßig verfolgen, Grundbegriffe und Kampfformen kennen und Genaueres über die Hintergründe und Abläufe – und vor allem die japanischen Bezeichnungen – kennenlernen wollen. Der Originaltext wurde ins Englische übersetzt, für alle Ausdrücke aus der Sumō-Welt wurden allerdings die japanischen Bezeichnungen in Umschrift übernommen. Dies gilt für alle Fachbegriffe: die Ränge und Techniken, die speziellen Utensilien und Kleidungsstücke, die im Sumō zum Einsatz kommen.

Im Buch verweist ein Sternchen bei der Erstverwendung eines Begriffs darauf, dass der Ausdruck im Glossar erklärt wird. Wie in vielen englischen Texten werden bei der Umschrift der japanischen Wörter leider keine Striche über die langen Vokale gesetzt.

Zentrale Begriffe sind:

# banzuke Rangliste der Ringer (siehe Cover-Foto) # basho wörtl. „Ort“, Bezeichnung für Sumō-Turnier # chanko von Ringern (für Kollegen) zubereitete Speisen # dohyō Sumō-Ring; bei einem Turnier auf erhöhtem Podest und mit Dachkonstruktion # gunbai Utensil des Kampfrichters in Form eines Fächers # gyōji Kampfrichter # heya vom Nationalen Sumō-Verband ernanntes Trainingszentrum (oft als „Stall“ bezeichnet), bei dem Ringer ausgebildet werden; Wohnort eines oyakata, seiner Frau und „seiner“ Ringer, im Gebäude gibt es außerdem einen Trainings-dohyō # Kokugikan Name der Sumō-Wettkampfarena # mawashi etwa neun Meter langer Gürtel der Ringer # oyakata ehemaliger Ringer, Mitglied des Nationalen Sumō-Verands, der ein Heya führt und die Ringer trainiert # rikishi oder sumō-tori professioneller Sumō-Ringer

kolorierte Schwarzweiß-Fotografie eines Sumō-Kampfes im Freien

03. Sumō-Kampf in Tōkyō um 1890

Über den Autor

Yobidashi Hideo, geboren 1949, beendete im Dezember 2014 im höchsten Rang des Tate-Yobidashi nach 45 Berufsjahren seine Laufbahn. Als er den höchsten Rang erreicht hatte, bestand seine Hauptaufgabe darin, bei einem Turnier nur noch einen einzigen Kampf, und zwar den letzten Kampf des Tages, auszurufen (S. 50). 

Im Vorwort bietet er einen sehr sympathischen Rückblick auf sein Leben. Eher zufällig wurde er Yobidashi: Als seine Schulnoten in der Oberschule nachließen und er keine Lust hatte, eine Universität zu besuchen, überlegte er, welchen Beruf er ergreifen könne. Er reiste gern und kannte die Regionaltouren der Sumō-Ringer. Seine körperliche Konstitution schien der eines Yobidashi am nächsten (S. 1-2).

Sein Vater verschaffte ihm Zugang zu einem Heya, der Oyakata gab ihm den Namen „Hideo“, einfacher zu lesen und auszusprechen als sein Geburtsname „Hidehito“. Im März 1969 trat er zum ersten Mal bei einem Turnier auf (S. 4). Mit Mitte Zwanzig schon konnte er ein eigenes Haus kaufen und zog aus dem Heya aus (S. 49). Er schreibt, dass er im Vergleich mit den Ringern ein lockeres Arbeitsleben gehabt habe (S. 6).

Als Yobidashi Hideo seine Karriere beendete, war er zu einer bekannten Person des öffentlichen Lebens geworden, ein Mann, der auf der Straße erkannt und gegrüßt wurde (S. 169). Kurz nach seinem Ausscheiden aus der Berufswelt erschienen seine Sumō-Erzählungen.

Yobidashi im Ring mit einem Fächer in der rechten Hand

04. Yobidashi Hideo beim Mai-Turnier 2008

Über den Band

Das Buch eröffnet mit dem Vorwort (8 Seiten), in dem der Autor seinen Lebensweg als Yobidashi nachzeichnet.

Der Hauptteil ist in drei Kapitel unterteilt:

  • die Arbeit der Menschen im Hintergrund (62 Seiten): Yobidashi, Gyōji und Tokoyama (Friseure der Rikishi)
  • die Hauptakteure des Sumō (70 Seiten): Rikishi und Oyakata
  • Sumō genießen (24 Seiten): die Geschichte des Sumō, den Sport als Zuschauer/in erleben

In lockerem Erzählstil, die Themen gut sortiert, präsentiert Hideo eine Mischung aus Erklärungen zu Organisationsformen bzw. Strukturen der Sumō-Welt und persönlichen Eindrücken. Zu fast allen Themen finden sich kurze Ausführungen von eigenen Erlebnissen, und einigen Erinnerungen sind spezielle Kapitel gewidmet (wie „Rikishi I remember“, S. 132-133).

Der Anhang umfasst ein Nachwort (2 Seiten), ein Glossar (12 Seiten) und einen tabellarischen Lebenslauf des Autors (1 Seite).

Die Übersetzung stammt von Clyde Newton, der selbst zum Thema Sumō veröffentlichte.

Imposantes Gebäude aus Stein, in runder Form, mit zahlreichen Fenstern

05. Zweiter Kokugikan, Wettkampfhalle des Sumō (Postkarte, Beginn der 1920er Jahre). 1909 wurde der erste Kokigikan in Ryōgoku gebaut, der 1917 niederbrannte. „Kokugikan“ bedeutet wörtlich: „Halle des Nationalsports“.

Schwarzweiß-Foto vom Inneren des Kokugikan während eines Wettkampftages

06. Sumō-Kampf in Tōkyō 1941

Quadratisches Wettkampfstadion mit rechteckigem Dach

07. Der jetzige Kokugikan wurde 1985 eröffnet (S. 156-157). Er ist berühmt für seine Yakitori (gebratene Hühnchenspieße), die im Untergeschoss zubereitet werden, und zwar bei jedem Turnier etwa 50.000 Stück (S. 167).

Begleitende Skizzen

Das Buch enthält neben einigen Schwarzweiß-Fotos von Schreinen und Monumenten etwa 40 Skizzen. Die dargestellten Figuren sind im so genannten „weichen“ Stil gezeichnet und wirken aufgrund ihrer Körperproportionen und ihrer großen Augen eher kindlich. Zugleich sind die Skizzen aber in den Details, die sie veranschaulichen sollen, äußerst genau und sehr hilfreich für das Verständnis der handwerklichen Techniken und zeremoniellen Bewegungsabläufe, der Kleidungsstücke und Utensilien, die im Text beschrieben werden. Einige Skizzen, die Begriffserklärungen enthalten, erinnern an Bildwörterbücher.

Es gibt auch witzige Hingucker: Auf den Werbebannern, die die Yobidashi am Ring entlang tragen, sind die vier Schriftzeichen des Verlagsnamens zu sehen: „Gendai shokan“ (S. 16).

Die Menschen im Hintergrund: Aufgaben der Yobidashi

Yobidashi haben viele Aufgaben, während eines Turniers ziehen sie oft die Augen des Publikums auf sich. Im Zentrum ihrer Arbeit steht das Ausrufen der Namen der Ringer. Ihre melodischen Ansagen erinnern an enka, traditionelle, sentimentale Musikstücke.

Um die richtigen Namen parat zu haben, erstellen die Yobidashi eine Vergrößerung der Auflistung aller Kämpfe eines Turniertages (torikumihyō, S. 26-27). Dieses Papier geben sie, nachdem sie selbst einen Kampf ausgerufen haben, an den nächsten Yobidashi weiter. Yobidashi Hideo schildert, wie die Schriftzeichen durch die verschwitzten Hände verwischten, und er gegen Ende des Turniertages kaum noch die Namen der Ringer entziffern konnte (S. 27).

Dazu kommen noch weitere künstlerische und organisatorische Tätigkeiten. Bei bestimmten Ritualen und Zeremonien schlagen Yobidashi Stäbe aus Kirschbaumholz (hyōshigi) aneinander (zur Technik: S. 43-43). Vor einem Turnier ziehen sie zur Ankündigung mit einer großen Trommel (taiko) durch die Straßen zu den einzelnen Heya (fure-daiko, S. 30-31), außerdem schlagen sie die Festtrommel an den Tagen des Turniers oben auf dem Turm (yagura-daiko).

Die anstrengendste Arbeit aber haben sie vor jedem Turnier: Gemeinsam bauen sie den Ring, und zwar vor jedem Turnier einen neuen (S. 32-41). Yobidashi Hideo erwähnt, dass er durch die harte Arbeit beim Bau der Dohyō als junger Mann zehn Kilogramm an Körpergewicht verlor (S. 32-41).

Holzgerüst, im Inneren ein gläserner Aufzug

08. Yobidashi errichten die Türme (yagura) bei den Wettkampfstätten, sie geleiten mit ihrem Trommeln die Zuschauerinnen und Zuschauer zum Turniertag und verabschieden sie nach den Kämpfen. – Der Turm vor dem Kokugikan ist fest installiert und hat sogar einen Aufzug.

Blick von der Empore auf den Dohyō mit einer Reihe von yobidashi, die bunte Werbebanner tragen

09. Vor einem Kampf tragen die Yobidashi die Werbebanner (kenshō) der Sponsoren um den Ring.

Zwei Yobidashi, die den Sand im Dohyō kehren

10. Yobidashi kehren den Sand im Ring (S. 47)

An den Turniertagen obliegt den Yobidashi die Versorgung der Ringer: Sie informieren die Rikishi, wenn ihr Kampf kurz bevorsteht, sie schleppen pro Tag 45 Kilogramm Salz (kiyome no shio, Reinigungssalz) heran, das die Rikishi in den Ring werfen, sie tragen Werbebanner und versorgen verletzte Ringer (S 44-45).

Es gibt keine offizielle Ausbildung, Yobidashi erwerben wie in allen traditionellen Handwerkszweigen ihre Fähigkeiten durch Beobachten und Imitieren (S. 31-32). Yobidashi Hideo schätzt eine Zeitspanne von mindestens zehn Jahren, um alle Aufgabenbereiche gut zu bewältigen (S. 34), besonders für den Bau des Dohyō und das Ausrufen. Es gibt Ringer-Namen, die einfacher auszurufen sind als andere, je nach Anzahl und Kombination der Silben (S. 22-24). Hideo beschreibt das Ausrufen als eine Herausforderung vergleichbar mit einer kurzen Theaterdarbietung. Von den 15 Turniertagen sei er meist nur an drei Tagen mit seiner Präsentation richtig zufrieden gewesen.

Gyōji, die Kampfrichter

Das Äußere der Kampfrichter kontrastiert stark mit den fast nackten Körpern der Ringer. In prächtigem Kostüm steht der Gyōji zwischen den Kontrahenten. Yobidashi Hideo erklärt die Gesten des Kampfrichters und zitiert die Ansagen, die er vor, während und nach einem Kampf macht (S. 52). Das wichtigste Utensil des Kampfrichters ist sein Gunbai, sein Schiedsrichterfächer, der die Form eines Befehlsfächers hat, den Heerführer im Mittelalter nutzten. Mit Einsatz des Gunbai zeigen Gyōji beispielsweise die Entscheidung über Sieg oder Niederlage an oder überreichen dem Sieger das Preisgeld (S. 55-58).

Auch die Stadiondurchsagen am Mikrofon machen Gyōji, wenn sie gerade selbst nicht im Ring stehen. In Anzug und mit Krawatte sind sie überhaupt nicht als Ringrichter zu erkennen (S. 59-60).

Alle Kampfrichter gehören einer der beiden Traditionsfamilien (und damit Schulen) Kimura oder Shikimori an, sie nehmen im Laufe ihrer Karriere den Namen der Familie an, in deren Tradition sie stehen (S. 68-69).

Schiedsrichter in violettem Kostüm, in halb kniender Haltung

11. Gyōji Kimura Shōnosuke 36

Yobidashi, Gyōji und auch die Friseure der Ringer (Tokoyama) stehen auf der Gehaltsliste des Japanischen Sumō-Verbands. Sie gehören zu einem bestimmten Heya, können aber ausziehen, wenn sie es möchten, und bleiben dem Trainingszentrum dann trotzdem verbunden. Falls ihr Heya aus finanziellen oder anderen Gründen schließt, müssen sie sich ein neues suchen, für das sie aktiv sein können (S. 49, 70, 136-138).

Fünf Schiedsrichter mit schwarzen Jacken und grauen Hakama beraten sich im Ring mit dem Gyōji

12. Am Rand des Rings sitzen fünf weitere Wettkampfrichter, Shinpan, die den Kampf verfolgen. Jeder von ihnen kann nach einem Kampf Einspruch gegen das Urteil des Gyōji anmelden. Zur gemeinsamen Beratung betreten sie den Ring (monoii). Sie bestätigen oder widerrufen die Entscheidung des Gyōji oder bestimmen, dass der Kampf wiederholt werden muss, da beide Kämpfer zeitgleich zu Boden gingen.

Die Hauptakteure: Rikishi und Oyakata

Yobidashi Hideo vollzieht den Lebenslauf eines Ringers nach, angefangen mit der ersten Gesundheits- und Eignungsprüfung und die Aufnahme in ein Heya. Dort trainiert der Neuling nicht nur, sondern lebt mit anderen Ringern wie in einer Familie zusammen. Die jüngeren Ringer sind dabei einem älteren zugeteilt, den sie persönlich beim Baden, Ankleiden und anderen Tätigkeiten unterstützen (tsukebito, S. 85-86). Privatsphäre gibt es dort kaum, wie an einigen Situationen abzulesen ist, die Yobidashi Hideo als junger Mann im Heya erlebte. Der Tagesablauf ist geprägt vom Morgentraining (S. 98-99) und den Mahlzeiten; auch die Speisen (chanko) werden von den jüngeren Rikishi zubereitet (S. 103).

Junge Ringer bilden eine Reihe, indem sie sich an der Hüfte greifen und in der Hocke nach vorn bewegen

13. Junge Rikishi beim Training in ihrem Heya: Die Theorie lernen sie in der Sumō-Schule, die Kämpfe trainieren sie in den Heya. Im Zentrum der Übungen stehen die Basisübungen shiko (anheben des Fußes und anschließendes Aufstampfen), teppō (Schlagen auf einen Pfosten), suriashi (Gleiten der Füße über den Boden, S. 78).

Das Ziel besteht darin, an den 15 Tagen der sechs offiziellen Turniere pro Jahr (honbasho) mehr Siege als Niederlagen zu erzielen. Damit steigt der Ringer in der Rangliste nach oben, kann sich von einer Kampfklasse in die nächst höhere hochkämpfen, im besten Fall bis zum obersten Rang des Yokozuna. Ab dem Rang des Jūryō (Jūmaime) gelten die Rikishi als „richtige“ Ringer (sekitori, S. 87) und bekommen ein Gehalt des Japanischen Sumō-Verbands. Zugleich sind mit jedem höheren Rang mehr Privilegien verbunden.

Sumō-Ringer Ura im Yukata auf der Straße

14. Der äußerst beliebte Rikishi Ura

Alle Ringer streben danach, einmal ein Turnier zu gewinnen. Der Sieger erhält den Pokal des Tennō (Tennō shihai), verschiedene Preisgelder und ein etwa acht Quadratmeter großes Portrait, das ihn stehend zeigt. Das Bild wird zunächst im Kokugikan aufgehängt und später an die Sieger übergeben. Er stiftet es oft seiner ehemaligen Schule oder seiner Unterstützerorganisation (S. 123-124, zu den verschiedenen Preisen und ihrer Dotierung: S. 126).

Sumō-Ringer Tobizaru mit Mawashi im Ring

15. Tobizaru, „The Flying Monkey“, 2022

Sumō-Ringer Wakatakakage mit Mawashi im Ring

16. Wakatakakage, 2022

Der Auftritt während eines Turniers, alle Handlungen vor und nach dem eigentlichen Kampf sind genau festgelegt. Dazu gehören Verbeugungen oder Reinigungszeremonien, von denen das Werfen des Salzes in den Ring sicherlich die spektakulärste ist. Vor dem eigentlichen Kampf finden die Gegner einen Rhythmus, in dem sie ihre Bewegungen synchronisieren, in engem Abstand zueinander in die Hocke gehen, sich gegenseitig fixieren, dann wieder Abstand voneinander nehmen. Auch diese Zeit unterscheidet sich nach Rang: Bei Ranghöheren dauert sie länger (S. 109-113).

Ōnosato im Yukata auf der Straße
Hōshōryū mit prunkvoller Schürze bei der Zeremonie des Yokozuna dohyō-iri

17.-18. Die beiden Ringer, die momentan den höchsten Rang innehaben: Yokozuna Ōnosato (2024) und Yokozuna Hōshōryū (2025).

Der prunkvolle Umhang (keshō-mawashi) wird zu bestimmten Anlässen, zum Beispiel beim feierlichen Betreten des Dohyō (dohyō-iri) angelegt.

Yobidashi Hideo äußert sich nicht ausführlich zu den Kampftechniken, betont allerdings, dass in den meisten Fällen der erste Kontakt der beiden Ringer, bei dem sie aus der Hocke herausschnellen und ihre Körper zusammenprallen, ausschlaggebend oder sogar entscheidend für einen Kampf sein kann (tachiai, S. 114-115). Viele Techniken basieren auf einem kräftigen Griff des gegnerischen Gürtels. Der Autor erklärt die zentrale Bedeutung des Gurts (mawashi), dessen Herstellung, die Technik des Bindens und vergisst auch die Frage nicht, welchen Ausweg es gibt, wenn ein Ringer auf Toilette muss (S. 92-97).

Autogrammkarte mit Handabdruck

19. Tegata sind von den Ringern angefertigte Autogrammkarten mit Handabdrücken; Tegata von Takanoshō

Autogrammkarte mit Handabdruck

20. Tegata von Takayasu

Beendet ein Ringer seine Karriere, wird ihm in einer besonderen, emotionalen Abschieds-Zeremonie der Knoten seiner inzwischen lang gewachsenen Haare abgeschnitten (danpatsu-shiki, S. 132). Danach eröffnen sich ihm verschiedene Möglichkeiten, in der Sumō-Welt als Toshiyori, als Senior, zu arbeiten. Dazu gehört beispielsweise die Eröffnung eines eigenen Trainingszentrums (S. 134-135).

Lesenswert – Über tausend Jahre Geschichte kombiniert mit Jahrzehnten an Erfahrung

In freundlichem Plauderton findet Yobidashi Hideo einen interessanten Mittelweg, einerseits die Traditionen und Zeremonien angemessen zu beschreiben, andererseits die Welt des Sumō nicht zu mystifizieren.

Zu Beginn erklärt er beispielsweise die Klischees, die mit den einzelnen Berufen verbunden sind: Wer nach Prestige strebt, wird Gyōji; wem Geld wichtig ist, wird Yobidashi; wer Spaß haben will, wird Tokoyama (Friseur der Sumō-Ringer, S 14-15).

Viele Gesten, Körperbewegungen und -haltungen haben zwar einen symbolischen Sinn, oft aber tragen sie gar keine Bedeutung – oder diese wurde ihnen erst später zugeschrieben. Yobidashi Hideo schildert mit einem Augenzwinkern Gesten, die ohne tiefere Bedeutung ausgeführt werden, was ihm erst auffiel, als er nach ihrem Sinn gefragt wurde (S. 107).

Kein Thema in dem Buch sind die Skandale und Vorfälle, die es auch in der Sumō-Welt gibt.

Schwarzweiß-Foto von einem Dohyō im Camp von Tule bei einer Ringkampf-Veranstaltung

21. Die kulturelle Bedeutung des Sumō ist immens. Sogar die US-Amerikaner japanischer Herkunft, die an der Westküste der USA lebten und während des Zweiten Weltkrieges in Lager interniert wurden, organisierten in ihrer schwierigen Situation Sumō-Turniere (siehe den Beitrag über „Das Lager in der Wüste“).

Die Schilderungen verdeutlichen allerdings die strengen Hierarchien.

Der Rang eines jeden Ringers ist der Banzuke, der offiziellen Rangliste, zu entnehmen, die nach jedem Turnier neu erstellt wird. Die untersten Namen sind tatsächlich nur mit einer Lupe lesbar (Erklärung zum Aufbau: 64-65) – und dies ist ein Spiegel der realen Welt: Ansehen und Behandlung wachsen mit jedem Rang. Hideo schildert, dass bei Zugfahrten in seinen Anfangsjahren ein extra Wagon gemietet wurde. Dessen Boden wurde mit Zeitungspaper ausgelegt, und hier schliefen die jungen Rikishi bei der Fahrt zu Auswärts-Turnieren (S. 5).

Aber nicht nur die Ringer, auch Gyōji und Yobidashi sind in Ränge unterteilt (S. 18). Der Rang eines Kampfrichters ist leicht an seinem Kostüm zu erkennen: Es ist umso prächtiger, je höher sein Rang ist. Dabei ist selbst die Farbe der Kordel am Gunbai vorgeschrieben (S. 67, 69).

Zeremonien sind ein wichtiger Bestandteil des Sumō. Sie markieren der Einstieg eines Anfängers (Einführung in den Dohyō, S. 76-77) und beenden seine Karriere. Für jedes einzelne Turnier gibt es Eröffnungs- und Abschlusszeremonien (S. 125).

Das Dohyō matsuri ist eine Zeremonie zur Reinigung vor jedem Turnier. Im Zentrum des Doyhō werden Gegenstände als Glücksbringer in einem kleinen Loch eingelassen: getrocknete Kastanien, gewaschener Reis, Seetang, getrockneter Tintenfisch, Salz, Muskatnuss (S. 40). Die Objekte werden gut verpackt und mit geweihtem Sake besprenkelt. Während der Zeremonie übernimmt der oberste Gyōji die Rolle des Shintō-Priesters (S. 40-41).

Yobidashi tragen eine Trommel, auf die geschlagen wird.

22. Dohyō matsuri vor dem Januar-Turnier 2025. Gut zu sehen ist die Trommel (fure-daiko), die die Yobidashi tragen.

20 Ringer der obersten Ränge führen im Ring die dohyō-iri Zeremonie durch, gerade heben sie die Arme nach oben

23. Zeremonie des Dohyō-iri: Ritual, bei dem die Ringer der obersten Ränge den Dohyō betreten

Der Yokozuna streckt die Arme aus und öffnet die Hände um zu zeigen, dass er ohne Waffen kämpft.

24. Yokozuna betreten den Ring bei einem eigenen Ritual, dem Yokozuna dohyō-iri. Sie werden von zwei Ringern aus ihrem Heya begleitet. Ausstrecken der Arme und Öffnen der Hände (chirichōzu) zeigen an, dass der Ringer redlich kämpft (S. 105-106).

Sumō-Ringer mit einem großen Bogen vollführt Zeremonie

25. Beim Yumitori-shiki am Ende des Wettkampftages schwingt ein Ringer einen Bogen (S. 120).

– Auch die Beschreibung der Zeremonien durch Yobidashi Hideo verschafft eine neue Perspektive auf die Geschehnisse. So zum Beispiel beim Yumitori-shiki, das ein Yobidashi in hockender Haltung begleitet. Für seine Beine hoffte Hideo manchmal auf ein schnelleres Ende (S. 121).

Die Fernsehserie „Sanctuary: Seiiki“

Die Fernsehserie „Sanctuary: Seiiki“ (8 Folgen, Netflix, 2023, Regie: Kan Eguchi) zeigt einen jungen Mann, der in der Sumō-Welt aufsteigen will. Hauptfigur Oze Kiyoshi (dargestellt von Ichinose Wataru) ist aufbrausend, unbeherrscht und brutal. In schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen, hat er sich in den Straßen seiner Heimatstadt mit Gewalt durchgesetzt. Als der Oyakata ihn für sein Heya anwirbt, versucht Oze mit Tricks in der Sumō-Welt hochzukommen. Er zollt niemandem Respekt und benimmt sich rüpelhaft. Sein einziges Ziel besteht darin, reich zu werden. 

Skandale, die im Buch von Yobidashi Hideo nicht erwähnt werden, gibt es in „Sanctuary“ en masse, die Serie lebt vom Aufeinandertreffen schwieriger Charaktere – allen voran von Oze mit einem anderen, unbesiegbar scheinenden Neuling, um den sich Gerüchte ranken. Daneben treten auf: ein im Geheimen mit sich hadernder Vorzeige-Rikishi aus einer Familie mit großer Sumō-Tradition, eine junge Journalistin, die unfreiwillig in die Abteilung der Sumō-Berichterstattung versetzt wurde, Senioren, die ihre Trainingszentren führen und Rivalitäten aus ihrer zurückliegenden aktiven Zeit austragen.

Interessant sind Szenen, in denen Oze Kiyoshi den Verhaltenskodex der Sumō-Welt bricht. Es sind ungewohnte Bilder, zum Beispiel wenn er nach jedem Sieg die Arme in Siegerposition hochreißt und durch den Ring tanzt.

Die Serie zeigt den Alltag in den mehr oder weniger wohlhabenden Sumō-Trainingszentren. Die Jüngeren bedienen die Älteren, sie putzen, bereiten den Ring vor und kehren ihn nach dem Training, sie bekommen ihr Essen zuletzt. Sie erhalten ihren Ring-Namen (shikona), genießen die Fürsorge der „Mutter“ (okamisan). Auch der Umgang mit sozialen Medien wird thematisiert oder das Auftauchen „falscher Freunde“ beim ersten verdienten Geld.

Trotz Kritik an der Serie wurden die realistischen Trainings- und Turnierszenen sowie die Detailtreue, mit der die Rituale dargestellt werden, als positiv bewertet.

Der momentane Sumō-Boom

Yobidashi Hideo äußert mehrere Bitten, darunter: bei einem Sieg über den Ringer des höchsten Ranges, eines Yokokzuna, nicht das Sitzkissen nach vorn in den Ring zu werfen. Dies sei zwar Usus, leider aber auch gefährlich (S. 45-46). Außerdem nicht den Rücken oder die Schulter eines Ringers zu berühren. Viele Fans tun dies, weil es als glücksbringend gilt (S. 168).

Abschließend wünscht er sich in seinem Nachwort volle Zuschauerränge, auch auf den Emporen. Er hat in den Jahrzehnten seiner aktiven Karriere viele Auf und Abs im Sumō-Sport erlebt, erzählt auch von der Erfahrung, vor leeren Rängen auf der Empore zu agieren (S. 142).

Inzwischen ist es ohne Beziehungen kaum mehr möglich, eine Eintrittskarte für einen Turniertag zu bekommen. Während große Kontingente von Karten an Tourismus-Veranstalter gehen, bleiben viele langjährige Fans außen vor. Ein Artikel der englischsprachigen Tageszeitung „Japan Times“ (vom 20.08.25) geht deshalb der Frage nach, ob Sumō gerade Opfer seiner eigenen Popularität wird.

Susanne Phillipps

20.03.2026 (Ausgabe 22)

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Bildnachweis

Header: Von Bruno Cordioli from Milano, Italy – Kimono enchantment, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10405206, Ausschnitt, Schrift eingesetzt.

Buch-Arrangement Discover Sumo: Von Susanne Phillipps – Eigenes Werk

01: By Saigen Jiro – 茨城県立歴史館展示。Saigen Jiroが撮影。, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=131844019

02: By Utagawa Kunisato – National Diet Library Digital Collections: Persistent ID 1313431, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=99359941

03: Von Unbekannter Fotograf – Unknown, Hand-colored albumen photograph, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=406368

04: By Morio – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4120924

05: Von Autor/-in unbekannt – 『ワイド版 東京今昔散歩』84ページ, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47203810

06: Von Presseagentur Weltbild – Scan aus: Freundesland Japan, 1943, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=128279988

07: Von Steve Cadman – Flickr, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1085425

08: Von Mila Lai – Flickr, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35419474

09: By Yves Picq http://veton.picq.fr – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3088573

10: By Ian Kennedy – https://www.flickr.com/photos/clankennedy/21459905365/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=127157870

11: Von てぃーふる(http://blogs.yahoo.co.jp/t_furu70281/) – 作者が撮影, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20358758

12: Von Kim Ahlström – Sumo at Kokugikan, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38962276

13: By PH1 (AW) M. Clayton Farrington – This image was released by the United States Navy with the ID DD-SP-99-04110 (next).This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing.العربية ∙ বাংলা ∙Bahaso Jambi ∙Deutsch ∙ Deutsch (Sie-Form) ∙ English ∙ español ∙ euskara ∙ فارسی ∙ français ∙ italiano ∙ 日本語 ∙ 한국어 ∙ македонски ∙ മലയാളം ∙ Plattdüütsch ∙ Nederlands ∙ polski ∙ پښتو ∙ português ∙ русский ∙ slovenščina ∙ svenska ∙ Türkçe ∙ українська ∙ 简体中文 ∙ 繁體中文 ∙ +/−Defense Visual Information Center / US Department of Defense ID: DDSP9904110URL: http://www.dodmedia.osd.mil/DVIC_View/Still_Details.cfm?SDAN=DDSP9904110&JPGPath=/Assets/1999/DoD/DD-SP-99-04110.JPG, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15386205

14: Von 江戸村のとくぞう – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83046392

15: Von TSUBAME98 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=114341997

16: Von TSUBAME98 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=114341098

17: Von Nigtknjetssnmc182 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=166571545

18: By A2B48 – Own work, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=179096761

19: Von Jeangigot – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=107082724

20: Von David Dominique PAPILLON – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=106212149

21: Von Autor/-in unbekannt oder nicht angegeben – U.S. National Archives and Records Administration, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17327540

22: By OtharLuin – Own work, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=160106520

23: Von Yves Picq http://veton.picq.fr – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3088662

24: Von Keith Pomakis – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1436889

25: Von RSSFSO – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77325308